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Daß Aufrichtigkeit ein Beweis für Freiheit ist,
und daß man die Unfreiheit an der Lüge erkennt.
Czesław Miłosz
Liebe Gäste des Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“,
in diesem Jahr können wir bereits die 10. Ausgabe der „Poetischen Quellen“ feiern! Dazu möchten wir Sie erneut zu einer anregenden literarischen Reise in den ostwestfälischen Hochsommer nach Bad Oeynhausen und Löhne einladen. Wie jedes Jahr steht dabei das Programm des Internationalen Literaturfestes mit seiner Mischung aus bekannten und weniger bekannten Autoren ganz im Zeichen der Entdeckung von etwas Neuem.
Das Schwerpunktthema zum 10jährigen Jubiläum trägt den Titel Von unantastbarer Freiheit und Würde, ein Thema, welches sich grundlegend durch alle Jahre des Internationalen Literaturfestes gezogen hat und sich deshalb als Quintessenz trefflich eignet. Mit Blick auf die Welt könnte man sogar meinen, das Thema könne aktueller kaum sein. Die Frage aber stellt sich, ob es nicht vielmehr unsere Nachlässigkeiten im Umgang mit den inhaltlichen Bedeutungen von Freiheit und Würde sind, die diese Aktualität immer wieder erst hervorrufen: „… wir Menschen lieben augenscheinlich nicht die Freiheit, sondern nur, frei zu sein. Das Verlangen, frei zu sein: die Gleichgültigkeit gegenüber der Freiheit an sich“, schreibt der kolumbianische Autor Nicolás Gómez Dávila.
In der Tat scheint in unserer vermeintlich freien Welt der unendlichen Wahlmöglichkeiten, beherrscht von einem Massenentertainment ohne Schuld und Scham und unter Ausgrenzung der Würde, „Freiheit (…) lediglich zu bedeuten, dass die Realität der Umstände allemal stärker ist als der Anspruch auf Sinndeutung, als die moralische Verpflichtung, nach Orientierungspunkten zu suchen“, wie Péter Nádas es in seinem Essay Freiheitsübungen ausdrückt.
Genau dies aber ist der Ausgangspunkt für geglückte und leidenschaftliche Literatur: Die Suche der handelnden, von einer unübersichtlichen Situation und vielschichtigen Welt umgebenen Figuren nach einer Orientierung oder Haltung. Dabei werden Fragen aufgeworfen – Literatur ist eine Fragemaschine, keine Antwortexpertin – und es entstehen Situationen, die die Figuren in ein ständiges Ringen zwischen Aufrichtigkeit – Wahrheit – und Lüge, zwischen Freiheit und Unfreiheit, zwischen Selbstachtung und Verachtung verwickelt. Daraus ergibt sich hoffentlich für Leserinnen und Leser sowie für die Gäste der „Poetischen Quellen“ die beunruhigende aber wesentliche Frage, worin Freiheit und Würde eigentlich bestehen oder, in der Kürze Dostojewskijs, „wofür man lebt.“
„Auch Gedanken können sich nicht bewegen, ohne von Gedanken bewegt zu werden“ sagt Péter Nádas. Lassen wir also zu, dass sich unsere Gedanken in Bewegung stürzen, damit wir Freiheit von Rücksichtslosigkeit und Würde von Überheblichkeit unterscheiden können.
Michael Scholz
Leitung Internationales Literaturfest „Poetische Quellen“