In Erinnerung an Ágnes Heller

Ich hingegen habe bis zum heutigen Tag das Gefühl, dass es sich lohnt, seine Meinung zu sagen, sogar wenn niemand zuhört.

Ágnes Heller
12.05.1929 – 19.07.2019

 

Liebe Gäste des Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“,

immer schon haben Menschen sich Geschichten erzählt, um die Welt besser begreifen zu können, um ihr „Hineingeworfensein“ ins Leben entziffern und möglichst einen Sinn daraus erlesen zu können. Mit „Die Lesbarkeit der Welt“ haben sich die Poetischen Quellen in ihrer 18. Ausgabe deshalb den gleichnamigen Buchtitel des Philosophen Hans Blumenberg zum Motto gemacht. Für ihn war „Lesbarkeit“ weit mehr als nur eine Metapher für Erfahrung. Sie ist eine Möglichkeit, die für ihn mit dem Wunsch einhergeht, „auf die Beherrschung der Natur zu verzichten, um ihre Vertraulichkeit zu gewinnen, die wahren Namen der Dinge zu kennen statt nur die exakten Formeln für ihre Herstellung.“

Die Suche nach dieser Möglichkeit ist der Beweggrund für Literatur, die mit ihren existentiellen Fragen nach dem Was, das wir wissen wollen und dem Was, das wir erhoffen dürfen zwischen den Zeilen immer auf den mythischen Ursprung unseres Weltverständnisses verweist. Damit zeigt Literatur, dass die Erfahrungen, Anschauungen und Erkenntnisse aus Büchern nicht in Rivalität zu Welterfahrung stehen müssen. Vielmehr sind sie der Speicherort von Welt, die dem Menschen helfen, sich in seinem Verhältnis zur Welt und ihrer Vielfalt zu orientieren, um „Ja“ zum Leben sagen zu können.

Da diese wichtige Form der Erfahrung von Literatur heute immer mehr verloren zu gehen droht, beziehen die Poetischen Quellen mit dem Motto Stellung für eine erneute „Alphabetisierung“ des Lebens, die sich gegen den „Absolutismus der Wirklichkeit“ (Blumenberg) wendet. Es geht darum, das Sich-Mitteilen-Können und das Verstehen auf der Grundlage einer ethischen Universalität wieder neu zu erlernen, denn die Lesbarkeit der Welt meint auch das aktive Teilnehmen an der Welt.

In seinem Buch Arbeit am Mythos stellt Hans Blumenberg am Ende die provokante Frage: „Weshalb sollte die Welt fortbestehen müssen, wenn nichts mehr zu sagen ist?“ An dieser Stelle komme ich auf das obenstehende Zitat von Ágnes Heller zurück, die eine begeisterte Leserin war und wusste, dass gute Literatur ihre Geschichten aus innerer Notwendigkeit immer weiter erzählt ohne auf einen Zeitgeist zu achten, auch dann, „wenn niemand zuhört“. Dieses immer Weiter der Literatur ist die stille Antwort auf Blumenbergs Gedanken: „Wie aber, wenn doch noch etwas zu sagen wäre?“

Als Plädoyer für Literatur als eine durch nichts anderes ersetzbare Form von Welterkenntnis und Reflexion, sind und bleiben die Poetischen Quellen der Ort für das, was noch zu sagen wäre, ein Ort, der die gleichzeitig darin immer auch enthaltende Notwendigkeit der Unangepasstheit verteidigt, was Ágnes Heller sicher sehr gefreut hätte.

Michael Scholz
Künstlerische Leitung