„Die Literatur ist eine Form permanenter Rebellion und erlaubt keine Zwangsjacken. Alle Versuche, ihre ungebärdige, widerspenstige Natur zu beugen, werden scheitern.
Mario Vargas Llosa, „Literatur ist Feuer“, 1967

Liebe Gäste der Poetische Quellen,

„wir befinden uns im Jahr 2021 n. Chr. Nach einer Unterbrechung durch eine unvorhersehbare Pandemie ist die ganze Welt in ihren privaten und öffentlichen Räumen mehr denn je von Bildfluten, Beschleunigungen, unendlichen Meinungsausbrüchen, bürokratischen Überregulierungen und dauerhafter digitaler Überwachung besetzt, die offene Gesellschaft ist stärker als zuvor auf dem Rückzug. Aber ein von unbeugsamen Menschen besetztes Medium, die Literatur, hört nicht auf, den mentalen Eindringlingen, den populistischen und digitalen Manipulationsterroristen mit Geschichten, Erzählungen, Gedichten, mit Fragen, Zweifeln und Staunen, mit Langsamkeit, Nachdenklichkeit und genauer Wortwahl, mit Vertrauen in das Menschliche des Menschen, sprich mit ihrer privaten Moral Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die betäubte, in alles einwilligende, narzisstische und bequeme Konsumgesellschaft, denn die eingeimpfte Angst vor Veränderungen ist groß, zur Selbstreflexion und Kritik befähigende Bildung gibt es nicht mehr, Vielfalt außerhalb von Einkaufsregalen erregt Misstrauen, Vernunft wird mit Effektivität verwechselt, eine mögliche Zukunft staut sich in der immerwährenden Gegenwart einer virtuellen Scheinrealität …“

Noch befinden wir uns im Jahr 2020. Aber damit wir nicht schneller als es uns lieb sein wird in diesen unvorstellbaren Zustand einer totalkonformistischen „Attrappengesellschaft“ (Albert Camus) hineingeraten, stehen die Poetischen Quellen in ihrer 19. Ausgabe, unter dem Motto „Literatur und Widerstand“. Dabei besteht die Herausforderung an die zeitgenössiche Literatur darin, sich nicht in den Dienst einer vorformulierten Wirklichkeit stellen zu lassen, sondern sich ihres innewohnenden dissidentischen Charakters, ihrem „Ethos des Widerstands“ (Imre Kertész), bewusst zu sein. Mit Vertrauen in ihre prophetische Unzeitgemäßheit muss Literatur ein trotziges „Dennoch“ bleiben, das allein im Dienst der Suche nach Wahrheit steht und zwar in völliger Hingabe „an den Einzelnen, an sein Recht, Individuum zu sein, und ebenso an seine Schicksalsgemeinschaft mit der gesamten Menschheit“, wie David Grossman es 2010 bei der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche zum Ausdruck brachte.

Wir brauchen die Literatur und den Widerstand, den sie uns aufzeigt, mehr denn je, um uns von der Aufrichtigkeit unseres Lebens zu überzeugen. Wir brauchen die Literatur aus diesem Grund als Atom des Widerstands gegen all das, was die Möglichkeit zur Aufrichtigkeit verneint. Eine Literatur, die zu solch einem Widerstand im Denken und in der Wahrnehmung herausfordert ist Hoffnung, und die möchten die Poetischen Quellen besonders in diesem Jahr vermitteln!

Michael Scholz

Künstlerische Leitung