Yari Bernasconi

stellt seinen Gedichtband Neue staubige Tage / Nuovi giorni di polvere [2021] vor.
Gesprächsübersetzung: Walter Kögler / Lesung der deutschen Texte: Thomas Streipert

(LYRIK-ABEND: In Zusammenarbeit mit der Ev. Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt / Freitag, 26. August 2022 / Ort: Auferstehungskirche in der Innenstadt von Bad Oeynhausen / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.45 Uhr)

Das Tessin, der italienischsprachige Teil der Südschweiz, scheint etwas Besonderes zu haben, dass gerade hierher viele sprachmächtige schweizerische Dichter stammen: Neben Giorgio Orelli, der an die großen Traditionen der italienischen Lyrik von Dante und Petrarca bis zu Saba und Montale anknüpfte, sind die vor allem Alberto Nessi und Fabio Pusterla. Die interessanteste jüngste Stimme aus dieser Richtung ist die des 1982 in Lugano geborenen Yari Bernasconi, der sich diesen lyrischen Traditionen durchaus bewusst ist und dessen eigene Ausdruckskraft wohl nicht zuletzt aus der Auseinandersetzung mit dem Werk Orellis herrührt.

Bernasconi, der italienische Literatur und romanische Philologie an der Universität im schweizerischen Freibug studierte, lebt heute in der Nähe Berns und arbeitet als Kulturjournalist für das italienischsprachige Schweizer Radio Rete Due. Für seinen Gedichtband Neue staubige Tage/Nuovi giorni di polvere erhielt er den Terra-Nova-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und den Premio Castello di Villalta Giovani. Sein jüngster, bisher leider noch nicht ins Deutsche übersetzte Gedichtband La casa vuota wurde in diesem Jahr mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Im Gespräch mit einem schweizerischen Onlineportal sagte Bernasconi, dass ihm vor allem „der weiße Raum“ fasziniere, „den die Lyrik bietet, das Unausgesprochen, das von den Leserinnen und Lesern ergänzt werden kann“, denn letztlich seien es die Lesenden, „die durch das Lesen und Interpretieren die Bücher zum Leben erwecken.“ Aber natürlich braucht es davor einen Dichter, dessen Zeilen und Verse zum Denken und Empfinden einladen, dazu herausfordern. Das geschieht bei Bernasconi – „Du sagst Identität, und ich seh dich gleichgültig an, / reiße in die Leere eine weitere Leere“ –, dessen Beobachtungen oft Gegensätze einfangen, die er einem lyrischen Du aufgibt, sie auszugleichen. In seinen Gedichten reist er durch ein vom Staub seiner krisenreichen, oft gewalttätigen Geschichte zerrissenes Europa, ausgehend von Dejevo in Estland. Ein Kritiker schrieb, dass „man Bernasconis Gedichte als Mutproben verstehen“ könne, den Blick auf diesen Staub zu werfen. Die Mutprobe besteht jedoch darin, zu hoffen, dass unter dem Staub Neues, vielleicht Besseres emporwächst aus einer vorerst noch hoffnungslosen Leere: „Du sagst im Scherz, wir könnten bleiben, diese Leere / besichtigen. Den Mut dazu fassen.“

»…, herrscht doch in Nuovi giorni di polvere/Neue staubige Tage jenes Gefühl des Entsetzens vor, aus einem schrecklichen und pulsierenden 20. Jahrhundert zu kommen, dem die neuen Tage noch keine Würde und keine Wahrheit gegenüberzusetzen wissen, und das uns dazu verdammt, durch Unsicherheiten zu irren, ohne absurde Wehmut, aber auch ohne reale Perspektiven.«
[Fabio Pusterla im Nachwort zu Nuovi giorni di polvere/Neue staubige Tage]


Yvonne Böhler

Yari Bernasconi