Wolfram Eilenberger

(„Das Sonntagsgespräch“ / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 11.00 Uhr)

Bücher u.a.: Feuer der Freiheit [2020]; Zeit der Zauberer [2018]

„Die Digitalisierung revolutioniert den Diskursraum, die Gentechnik greift in die Grundlagen der Schöpfung ein, die künstliche Intelligenz tief in unser Selbstbild, der Klimawandel fordert globales Umdenken, Ökonomie wie Physik befinden sich in einer schweren Grundlagenkrise, während das Wissen um die Weite und den Reichtum des Universums in einer Weise explodiert, die unsere Stellung im Kosmos abermals fraglich werden lässt. Die Welt ist in Bewegung, die kantische Urfrage „Was ist der Mensch?“ virulenter denn je.“
[Wolfram Eilenberger, „Wattiertes Denken“; erschienen in der ZEIT Nr. 10/2018]

Diesen Überblick über gegenwärtige gesellschaftliche und globale Entwicklungen formulierte der Philosoph Wolfram Eilenberger vor zwei Jahren und warf dabei der akademischen Philosophie vor, dass sie ihre Bedeutungslosigkeit hinsichtlich der Einmischungen in wichtige gesellschaftliche Fragestellungen selbst verschuldet habe. Der Artikel erschien wenige Tage, bevor sein Buch Zeit der Zauberer veröffentlicht wurde, mit dem er monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand. Das Buch ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem „Großen Jahrzehnt der Philosophie“, wie es im Untertitel heißt, der Zeit zwischen 1919 und 1929. Mit den darin porträtierten Philosophen Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin markierte der Zeitraum eine bis heute unvergleichliche Epoche geistiger Kreativität, die trotz des zivilisatorischen Einbruchs, den der Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 über die Welt brachte, wichtige ethische Fragestellungen begründete. In allen Gedanken der vier Philosophen standen Überlegungen zur Sprache und zur Freiheit des Individuums im Mittelpunkt. Freiheit ergreifen! hieß vor allem bei Cassirer die Losung und für Wittgenstein war klar, dass die Krise der Kultur immer zuerst eine Krise des öffentlichen Sprachgebrauchs ist. Wie gegenwärtig und wahrhaftig diese Gedanken sind, zeigt eine Gegenüberstellung zum Jetzt, in dem dauerverängstigte menschliche Gesellschaften von einem dauertwitternden Präsidenten angepöbelt werden.

In seinem neuen Buch beschäftigt sich Eilenberger mit prophetischer Gabe mit der „Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten“. Diesmal geht es um vier Philosophinnen – Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand – und ihr Wirken in der Zeit zwischen 1933 und 1943. Mit einem lodernden Feuer der Freiheit, so der Titel des Buches, versuchten sie, der Finsternis jener Jahre zu widerstehen. Damit wirft der 1972 in Freiburg geborene Wolfram Eilenberger erneut einen Blick in die Geschichte des Denkens, der uns in Zeiten großer Desorientierung hoffentlich hilft, politischen Manipulationen und ideologisch rückwärtsgewandten Weltanschauungen einen moralisch begründbaren Widerstand entgegenzusetzen.


Annette Hauschild

Wolfram Eilenberger