Wolfgang Streeck

Bücher u.a.: Zwischen Globalismus und Demokratie [2021] und Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus [2013; erweiterte Ausgabe 2015]

(Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 10.30 Uhr)

»Meine in diesem Buch ausgearbeitete Intuition ist, dass eine Überführung von Staatlichkeit in global governance, eine „Überwindung“ des Nationalstaats zugunsten internationaler Organisationen oder globalisierter oder regionalisierter Superstaatlichkeit auf die Errichtung einer demokratischem Einfluss entzogenen Techno- oder Merkatokratie – Experten- oder Marktherrschaft –, oder beider zugleich, hinauslaufen und eine Rückgewinnung demokratischen Einflusses auf die kapitalistische Ökonomie auf lange Zeit unmöglich machen würde.« [Wolfgang Streeck, Globalismus und Demokratie, 2021]

Man kann das neue Buch des Soziologen Wolfgang Streeck durchaus als Fortsetzung der erweiterten Ausgabe seiner Adorno-Vorlesungen betrachten, die 2013 als Buch unter dem Titel Gekaufte Zeit erschienen. Zwischen Globalismus und Demokratie ist aus dringendem Anlass wiederum ein Krisenbuch, besser gesagt der Versuch, einer doppelten Krise einen analytischen Spiegel vorzuhalten, nämlich „einer Wirtschaftskrise und einer Staaten- oder Staatlichkeitskrise, die sich auf mannigfache Weise gegenseitig bedingen und sich in einer komplexen Stagnationskrise vereinigen“, wie Streeck schreibt. Die Stagnationskrise verortet er dabei an der Front, die sich zwischen den fortschreitenden Folgen einer finanzökonomisch organisierten Globalisierung gegenüber demokratisch fundierten Nationalstaaten vor allem mit Blick auf ihre Institutionen auftut. Gerade hinsichtlich eben dieser nationalstaatlich gesteuerten Institutionen – Rechtssystem, Bildungssystem, Gesundheitssystem, Gewerkschaften, öffentliche Verwaltung, Wirtschaft –, deren Ziel es innerhalb einer Demokratie sein sollte, die Lebenschancen aller Bürgerinnen und Bürger gleich zu verteilen, handelt es sich aber schon heute um spürbare Rückschritte gegenüber eines supranationalen, neoliberalen Weltmarktgeschehens. Dessen Eliten streben mit allen Mitteln danach, ihre keinen Kontrollzwängen mehr unterworfene technokratischen Macht über eine postdemokratische Gesellschaft sicherzustellen. Streeck plädiert deshalb „für eine gesellschaftlich zurückeroberte und demokratisch sanierende politische Ökonomie“, wofür seiner Meinung nach „nur ein in eine konförderale Staatenordnung eingebetteter demokratischer Nationalstaat in Frage“ kommt, den er einzig noch für wieder demokratisierbar hält.
Wolfgang Streeck, geboren 1946 in Lengerich, war bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea, Korrespondierendes Mitglied der British Academy sowie Honorary Fellow der Society for the Advancement of Socio-Economics. Sein Buch Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus wurde bislang in 17 Sprachen übersetzt.


Heike Steinweg

Wolfgang Streeck