Ulrike Draesner

stellt ihren neuen Roman Kanalschwimmer [2019] vor.

Sonntag, 25. August 2019 / 14.00 Uhr / AQUA MAGICA-Park

„Kanalschwimmer ist ein Buch über einen 62jährigen Mann, der ein unerhörtes Angebot erhalten hat – von seiner Frau. Er sucht nach einer Lösung, schwimmt durch den Ärmelkanal. Das war ein alter Traum. Träumt er ihn noch? Kanalschwimmer ist ein Buch über den Wunsch, gefüttert und gerettet zu werden. Über Wut, Hingabe und Verantwortung. Über einen Mann in seinem Meer, ohne Fisch. Mit Quallen, Drohnen, Müll – und einem Ziel“, beschreibt Ulrike Draesner ihren neuen Roman selbst.

Die 1962 in München geborene Ulrike Draesner hat in den vergangenen zwanzig Jahren etliche Gedichtbände, fünf Romane, Erzähl- und Essaybände und Hörspiele veröffentlicht. Daneben beteiligte sie sich an zahlreichen intermedialen Projekten und übersetzt aus dem Französischen und vor allem aus dem Englischen. Seit letztem Jahr ist sie als Nachfolgerin von Hans-Ulrich Treichel als leitende Professorin am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig tätig.

Zwölf Jahre, sagt sie, hätte es gedauert, ihren neuesten Roman zu schreiben. Das mag auch daran liegen, dass sie neben dem Schreiben Vorlesungen hält, Schreibworkshops gibt und immer wieder auch Gast- und Poetikdozenturen im In- und Ausland annimmt. Zuletzt hatte sie im Wintersemester 2016/2017 die Frankfurter Poetikvorlesungen inne. „Ich möchte darüber sprechen, wie wir Leben schreiben“, erklärte sie den Studierenden zu Beginn der Vorlesungen, in denen sie bereits Auszüge aus dem Kanalschwimmer mit einarbeitete, um ihr eigenes Scheiben zu reflektieren: „Ich denke über Grammatik nach. Sie, die Person; sie, meine Figur; er, der ältere Mann. Warum will er sich durch die Enge des Meeres treiben? In welcher Form könnte dies erzählbar sein?“ Der ältere Mann ist Charles, die Hauptfigur bzw. der Kanalschwimmer, der in einer nur noch auf Problemlösungen ausgerichteten Welt auf einmal das Wort „Erlösung“ findet. Und so handelt der Kanalschwimmer auch vom Alter, von der Erinnerung an frühere Ideale und der Frage, ob sie noch gelten, von äußeren wie inneren Grenzen. Dabei schreibt Ulrike Draesner in eine Welt hinein, die sie ohne Ende nicht aufhören möchte zu denken, weil auch Grenzen nichts feststehendes sind, sondern am Horizont verfließen wie Erinnerungen, die sich mit jeder Erzählung wieder neu verändern und uns deshalb manchmal unheimlich wie Gespenster vorkommen. Grammatik der Gespenster betitelte Ulrike Draesner auch ihre Poetikvorlesungen in Frankfurt, wobei sie unter „Grammatik“ nicht die eng gefasste Bedeutung von Sprach-, Satz- und Formenlehre versteht, sondern vielmehr „die artikulierte Organisierung von Wahrnehmung, Reflexion und Erfahrung (…), die Nervenstrukturen des Bewusstseins, wenn es mit sich selbst und mit anderen kommuniziert“, wie es der bekannte amerikanische Literaturprofessor George Steiner ausgedrückt hat.

Ich schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.
[Ulrike Draesner]


Dominik Butzmnann

Ulrike Draesner