Samstag, 25.08.2018 / 20.15 Uhr / Eintritt: 10,00 Euro
Ort: Naturbühne od. Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Das Autorenporträt II: „Der magnetische Norden – Erinnerungen eines Europäers“

Der litauische Literaturnobelpreiskandidat Tomas Venclova im Gespräch mit Ellen Hinsey
Gesprächsübersetzung: Holger Ehling / Deutsche Lesung: Thomas Streipert


(c) Ekko von Schwichow

Tomas Venclova

Bücher u.a.: Der magnetische Norden. Gespräche mit Ellen Hinsey [2017],
Gespräch im Winter [2007], Vilnius [2006]

„Zeitgenossenschaft, die nichts anderes ist als wahre Unsterblichkeit,
läßt sich auf zweierlei Weise erreichen:
Entweder man unterwirft sich dem Kommando der eigenen Zeit
oder man trotzt ihr und wird zur Gegenkraft seiner Epoche.“
[Tomas Venclova, zitiert nach Durs Grünbein im Nachwort von Gespräch im Winter]

Auch wenn man nicht alles sofort versteht – und das muss man hier auch überhaupt nicht –, fühlt man sich beim Lesen von Tomas Venclovas Gedichten eingebunden in eine größere Gesamtheit von Welt- und Lebens- und Gedankenzusammenhängen, die Zeit und Raum umfassen, die unbedingt größer sind als wir selbst und die uns deswegen mit Demut erfüllen, weil sie uns zeigen, dass wir ein Leben in Unbestechlichkeit gerade deswegen lieben sollten, weil wir völlig unbedeutend sind.

Tomas Venclova, den der Dichter Thomas Kling einmal als den „litauischen Odysseus“ bezeichnet hat, kann mit Fug und Recht als die Stimme Litauens in der Weltliteratur bezeichnet werden. Der mehrmals zum Kreis der Literaturnobelpreiskandidaten gezählte Venclova wurde 1937 in der litauischen Hafenstadt Klaipėda, dem früheren preußischen Memel, nahe der Kurischen Nehrung geboren, zwei Jahre vor der Teilung Polens im Jahr 1939, bei der Litauen der Sozialistischen Sowjetrepublik zugeschlagen wurde. Er besuchte in Vilnius das Gymnasium und begann anschließend an der altehrwürdigen Universität von Vilnius sein Studium der Lithuanistik und russischen Literatur, welches er in Moskau fortsetzte. Die Niederschlagung des Ungarnaufstandes durch die russischen Panzerketten brachte Venclova nicht nur dazu, sich vollkommen von der Idee des Sozialismus abzuwenden, überhaupt machte sie ihn immun gegen ideologische Vereinnahmungen jedweder Art, die es darauf abgesehen haben, die Menschen zu abhängigen und unselbstständigen Mitläufern irgendeines „-ismus“ zu degenerieren. Nach Abschluss der Universität verdiente Venclova seinen Lebensunterhalt in den folgenden zwanzig Jahren mit Unterrichten, Übersetzen sowie dem Schreiben journalistischer Texte und Essays. Er lebte längere Zeit in Leningrad und in Moskau und reiste vielfach zwischen diesen Städten und Vilnius hin und her. „So wie seine Verse führte Venclova in diesen Jahren weitgehend ein Nomadenleben, indem er sich im Raum des letzten Großimperiums derart häufig bewegte, dass sein periodisches Auftauchen mitunter das Gefühl einer Sinnestäuschung vermittelte“, schrieb sein späterer Freund, der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky über ihn.

Zu Beginn dieser Zeit, um 1960, schloss Venclova Bekanntschaften mit Boris Pasternak und Anna Achmatowa, die seine eigenen Anfänge als Lyriker prägten und die er ins Litauische übersetzte. Zudem unterhielt er enge Kontakte zur sowjetischen Dissidentenbewegung und lernte nicht nur die Witwe des von ihm hochgeschätzten Schriftstellers Ossip Mandelstam, Nadeschda Mandelstam, kennen, sondern auch den fast gleichaltrigen Joseph Brodsky. 1975 schrieb Venclova einen offenen Brief an die kommunistische Partei Litauens, in dem er das Recht auf Emigration forderte. Im Jahr darauf gehörte er zu den Mitbegründern der litauischen Helsinki-Gruppe zur Verteidigung der Menschenrechte. 1977 erhielt er aufgrund einer vom polnischen Literaturnobelpreisträgers Czesław Miłosz organisierten Einladung der University of California in Berkely die Genehmigung, die UDSSR zu verlassen und reiste am 25. Januar aus. Kurz danach wurde er offiziell ausgebürgert. Fortan lebte er in den USA und unterrichtete zunächst als Dozent, dann als Professor slawische Literatur an der Universität von Yale. Zu seinem Freundeskreis in den USA gehörten sowohl Czesław Miłosz als auch Joseph Brodsky, die beide vor Venclova in die USA emigriert waren.

Der von Tomas Venclova verehrte Ossip Mandelstam bezeichnete den italienischen Dichter Dante in dem Essay Gespräch über Dante als „Antimodernisten“, weil seine Dichtung ein immerwährendes Gespräch mit der Gegenwart darstellt, denn sie sei nachwirkend „unerschöpflich, unermeßlich“ und „unversiegbar“. Die Modernität ist etwas Vergängliches, gerade weil sie nach Anpassung schreit. In diesem Sinne ist Tomas Venclova tatsächlich ein Antimodernist, dessen Gedichte sich jeder Art von Anpassung verweigern. In seinen Gesprächen mit Ellen Hinsey gibt Venclova dazu seiner Erfahrung als Leser Ausdruck und sagt, dass jede gute Literatur eine antitotalitäre Weltsicht in sich trage, weil einer jeden wahren Dichtung die Eigenschaft innewohne, „unsere Wahrnehmungen zu ent-automatisieren.“ Genau das ist es, was man beim Lesen der Gedichte von Tomas Venclova erfahren kann und was sich gut anfühlt in einer Welt, die zunehmend darauf aus ist, nicht nur die Lebensumstände, sondern auch die Lebensgefühle zu vereinheitlichen. Demgegenüber steht die Wahrheit des Individuums, welche in der Einsicht der Unvollkommenheit, Einzigartigkeit und Endlichkeit des einzelnen Menschen besteht. Diese Wahrheit stellt für Tomas Venclova keine Demütigung dar, ganz im Gegenteil: „Die Wahrheit auszusprechen ist der einzige Weg, Würde wiederherzustellen.“

„Der magnetische Norden ist ein spannendes Buch, das den Leser durch seinen fließenden Erzählton mitnimmt, das unser historisches Wissen vertieft und anschaulich macht, wie man würdevoll auch in totalitären Zeiten leben kann.“ [Carsten Hueck, Deutschlandfunk]