Tobias Roth

(Freitag, 27. August 2021 / Poetische Quellen am Inowroclaw-Platz in der Innenstadt von Bad Oeynhausen
Beginn: 15.00 Uhr / Einlass: 14.30 Uhr / Eintritt frei!)

Bücher: Die Welt der Renaissance [2020] und Giovanni Gioviano Pontano, Baiae [2016]
Lesung aus den Büchern: Thomas Streipert

„Quellen der Erneuerung und Erweiterung“

„Wie ich in die Renaissance „hineingeraten“ bin, kann ich kaum mehr rekonstruieren“, erzählt Tobias Roth auf dem Kulturportal feuilletonscout.com. „Es hängt wohl mit einer gewissen historischen Neugier zusammen. […]. Mit diesem Impuls landet man früher oder später in der Renaissance. Dieser Zeitraum stellt einen erheblichen Bruch dar, eine Umwälzung von vulkanischem Ausmaß. Die Wahrnehmung und das Weltverständnis befinden sich in Revolution.“ Oder um es mit der ungarischen Philosophin Ágnes Heller kürzer auszudrücken: „Raum und Zeit werden menschlich.“ Die Renaissance ist eine Zeit, in der Beispielhaftes hinsichtlich einer Erneuerung und Erweiterung des Menschenbildes gedacht und mit Hilfe der verschiedensten Künste zum Ausdruck gebracht wurde. Dieses brachte eine ebenso geistvoll philosophische wie körperliche Hinwendung und Hingabe an die Schönheit mit sich, die nicht nur auf den menschlichen Körper bezogen war, sondern sowohl in den Künsten – Malerei, Bildhauerei, Poesie, Architektur – als auch im Umgang miteinander eingefordert wurde: Auch die sogenannte „cortesia“, die Höflichkeit im Umgang miteinander, ist ein Spiegelbild menschlicher Schönheit, von der man vielleicht behaupten kann, dass sie den Mittelpunkt einer Ethik der Renaissance bildete, die auf körperliche und geistige Lust zugleich ausgerichtet war und beide miteinander zu verbinden suchte.

Einer der bedeutendsten Autoren der italienischen Renaissance, der dieses Prinzip in seinen Schriften umsetzte, war der Humanist Giovanni Giovano Pontano (1429 – 1503). Mit seiner Gedichtsammlung Baiae wendet er sich an Freunde, Bekannte und berühmte Persönlichkeiten und lädt sie ein, den gleichnamigen Badeort am Golf von Neapel zu besuchen, um in den dortigen heißen Thermalquellen die Wohltat der seelischen Erquickung ebenso zu erfahren wie die Befriedigung der körperlichen Sinnenfreude. Mit Baiae entwirft Pontano vor allem „eine sozialerotische Utopie“ (Roth) auf verspielt literarisch-humanistischem Niveau. „Der Gang zur Quelle“, so Roth, „eine der Leitmetaphern des Humanismus, ist in diesem Fall keine Metapher: In Baiae wird gebadet wie in Baiae gebadet wurde.“

»Inmitten körperlicher Lust hat uns Pontano dann zwei wichtige Dinge zu sagen: Wertschätzung der körperlichen Lust und Vermehrung der geistigen Lust. Dass Entscheidendes fehlt, wenn eins von beiden fehlt: Das kann, glaube ich, Geltung beanspruchen und hat kein Verfallsdatum. Wer will in einer Welt ohne Orgasmen und Bücher leben?«
[Tobias Roth, feuilletonscout.com]

Einen noch umfangreicheren Blick in die Gedankenwelt und das Leben der Renaissance schenkt uns Tobias Roth in dem buchkünstlerisch gestalteten, wunderschönen Band Welt der Renaissance. Hierin versammelt er eine selbst zusammengestellte Auswahl bekannter und unbekannter Literaten, Künstler und Humanisten jener Zeit, die aus der Nachahmung der Antike dem Menschen vor allem die Freiheit und Unfreiheit des eigenen Willens schenkten. Neben Texten von Petrarca, Boccaccio, Leonardo, Michelangelo, Machiavelli, Aretino oder Vasari finden sich auch Zeugnisse heute weniger oder nicht mehr bekannter Autoren wie Poggio Bracciolini, Raffaello Santi, Matteo Bandello, Vespasiano da Bisticci, Aldo Manuzio und anderen mehr. Natürlich kommt hier auch Giovanni Pontano zu Wort, der in der Dichtung die Bedeutung aufgehoben sah, „das Wunder, das Staunenswerte, das Nichtbegründbare und damit das Ab-Gründige im Hier und Jetzt […] zu bekunden“, so der Philosoph Ernesto Grassi, denn „die ursprüngliche Sprache ist nicht die rationale, sondern die poetische.“

Tobias Roth, 1985 in München geboren, ist ein literarisches Multitalent. Er ist Lyriker, Übersetzer, Herausgeber und Mitbegründer des Verlages Das Kulturelle Gedächtnis. Für seine Lyrik erhielt er den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis. Die Originaltexte von Pontano in Baiae und von allen aufgeführten Autoren in Welt der Renaissance wurden von ihm aus dem Lateinischen oder der italienischen Volkssprache, dem volgare, übersetzt. Dazu gibt er kurzweilige Einführungen zu den Autoren sowie je ein zutiefst kenntnisreiches Nachwort und Vorwort.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem European Spa Project

Das European Spa Project

Das European Spa Project geht der Frage nach, wie europäische Heilbäder in einer Zeit der Renationalisierung und Globalisierung zu einer neuen Wertschätzung und Wiederbelebung ihres europäischen Erbes beitragen können. In diesem Rahmen will das Projekt den Kurort als Kernkonzept und Gegenstand der europäischen Debatte neu überdenken. Es untersucht, wie sich das europäische Heilbad mit seinen charakteristischen Institutionen – Kurpark, Sanatorium, Grand Hotel, Casino etc. – zu einem übernationalen öffentlichen Raum entwickelt hat und als Bühne für die Verhandlung politischer, sozialer und kultureller Fragen von europäischer Relevanz fungierte. Im Mittelpunkt steht hierbei die Bedeutung von Literatur und Kultur für ein Heilbad: Die besondere Anziehungskraft des Kurortes für literarische „Kuren“ ergibt sich aus seiner Natur als Treffpunkt, an dem sich Menschen verschiedener Nationalitäten, Religionen und Klassen begegnen. In der Literatur wird der Kurort oft als soziale Metapher in einem allgemeineren Sinn verwendet, als „Paradies auf Erden“ („Arkadien“), als Modell der perfekten Gesellschaft, als Zufluchtsort vor den Zwängen des Alltags oder sogar als dystopischer Ort zur Kontrolle von Körper und Seele.

»Alle fliehen einmütig vor der Traurigkeit, suchen nur nach Fröhlichkeit und machen sich keine Gedanken außer dem, wie man lustig leben und das Vergnügen genießen kann.«
[Poggio Bracciolini, „Über die Bäder von Baden“, in: „Welt der Renaissance“]


Axel Gundermann

Tobias Roth