Thomas Strässle

Donnerstag, 22. August 2019 / 19.30 Uhr / AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark Bad Oeynhausen & Löhne

Der 1972 geborene schweizerische Literaturwissenschaftler und Flötist Thomas Strässle ist einem breiten Publikum im deutschsprachigen Raum vor allem bekannt durch seine Auftritte im „Literaturclub“, der auf 3sat ausgestrahlt wird. Als Publizist ist er vor allem durch seinen leichtfüßigen Essayband über den Begriff der Gelassenheit mit seinem gleichnamigen Buch 2013 hervorgetreten. Der Untertitel hieß: Über eine andere Haltung zur Welt. Man darf vermuten dass er zu einer anderen Haltung zur Welt auch mit seinem jüngsten Buch anspornen möchte. Wenigstens zu einer anderen Haltung dem Fake gegenüber.

Aber nicht nur aus aktuellem Anlass – dem Dauerbeschuss unserer Lebenswelt durch Fakes nicht nur in den digitalen Medien – widmet er sich deshalb der „Erfindung von Wahrheit“ in seinem Buch Fake und Fiktion. Als Literaturwissenschaftler weiß er auch, dass es gerade seine Disziplin ist, die die längste Erfahrung in der Beschäftigung mit faktionalen wie fiktionalen Wahrheiten und Wirklichkeiten besitzt. Deshalb kommt sein ebenso kurzweiliges wie wissendes Buch in einer Zeit, in der Fakes immer öfter den Status von Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen, gerade recht. Gründlich und umfassend – hier möchte man „endlich einmal!“ rufen – erklärt er die Herkunft und Wortbedeutung(en) des Begriffes „Fake“. Dabei zeigt er mit aufschlussreichen Rückgriffen auf die Anfänge des Nachdenkens über die Aufgaben und Ziele der Dichtkunst mit Blick auf die Erzählung von Wahrheit und Wirklichkeit bei Platon und Aristoteles, dass ein Fake zwar immer Elemente der Fiktion enthält, umgekehrt eine Fiktion in der Regel aber ganz andere Ziele verfolgt als ein Fake:

Während der Fake mit ausgezeichneter Kenntnis über seinen Gegenstand um seine Fälschung weiß und darauf aus ist, den Adressaten zu manipulieren, um ihn mit einer eindimensionalen Meinung eine bestimmte eingrenzende Sicht auf die Wirklichkeit einzuimpfen, appelliert die Fiktion an die Freiheit des Menschen und fordert ihn geradezu auf, die Vielheit des Lebens in den Blick zu nehmen, um unterschiedliche Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzuwägen.

Das Büchlein von Thomas Strässle schafft Klarheit: es führt zuerst die Begriffe bedrohlich nahe zueinander, bloss, um sie dann wieder voneinander zu trennen. Wer den Fake bekämpfen will, muss sich der Fiktion stellen.

[Guido Kalberer, Tagesanzeiger, Zürich]


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