Thomas Schmid

Bücher u.a.: Europa ist tot, es lebe Europa! [2016]; Gegenverkehr. Demokratische Öffentlichkeit neu denken [als Herausgeber zus. mit Ralf Fücks; 2018]

Sonntag, 25. August 2019 / 11.30 Uhr / AQUA MAGICA-Park

Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie: „Wie halten wir es mit Europa? – Über die Zukunft einer offenen Gesellschaft zwischen solidarischem Miteinander und ethnischem Nationalismus“

Kann die Europäische Union in Frieden und im Einklang mit dem Prinzip der Nation leben? Sie kann es nicht. (…) Die ethnisch angeblich „reinen“ Nationen gab es nicht, sie wären wie die dazugehörenden Sagen, Mythen und Geschichten erfundene Gemeinschaften. Wo doch versucht wurde, Staaten auf ethnischer Grundlage zu schaffen, ging es fast immer aggressiv und dann gewalttätig zu. Auf Kosten derer, die die Mehrheit am Genuss ihrer angeblichen ethnischen Reinheit angeblich hinderten.
[aus: Thomas Schmid, „Europa ist tot, es lebe Europa!“]

Am Ende seines Buchs weist der 1945 in Leipzig geborenen Publizist und Herausgeber Thomas Schmid darauf hin, dass er es vor dem Hintergrund des britischen Referendums zum Verbleib in der EU mit der Überzeugung geschrieben habe, dass die EU auch in der Zukunft genug Überlebenskraft für die Aufrechterhaltung ihrer Föderation besitzen werde. Dieser Überzeugung verleiht er mit vielen kritischen Gedanken zur EU Ausdruck. So hält Schmid zum Beispiel überhaupt nichts von der Überbürokratisierung der EU und spricht sich in offen dafür aus, das weniger Europa häufig mehr Europa bedeutet: Viel dringlicher als die Durchregulierung der Lebensverhältnisse bis in kleinste bürgerliche Verhaltensweisen, wäre es für Schmid, wenn sich die Verantwortlichen der EU endlich aufmachten, um eine gemeinsame Außen-, Verteidigungs- oder Klimapolitik zu formulieren.

Kurz nach der Europawahl analysierte Schmid auf seinem Blog zwei Pole, die sich für ihn nach der Wahl abgezeichnet hätten und auf die eine Europapolitik nun eine Antwort finden müsse: Dem Wunsch nach einer radikal veränderten Klimapolitik, der vor allem von jungen Menschen vorgetragen worden sei, stehe das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte gegenüber, „die nicht willens sind, über Staatsgrenzen hinweg zu denken und zu handeln.“

Schmid, dem man vor dem Hintergrund seiner Biografie einen politischen Instinkt für die Bedürfnisse der Bevölkerung durchaus zutraut – in den 1960er Jahren war er Aktivist der Frankfurter Studentenbewegung, in den 1970er Jahren gehörte er zur Sponti-Szene, in den 1980er Jahren zu den Grünen, bis 1986 war er Lektor im Klaus Wagenbach Verlag, 1993 machte er den Journalismus zu seinem Hauptberuf und war bis 2014 Herausgeber der WELT-Gruppe – sieht die Identität Europas vor allem in einer „Staatlichkeit ohne Staat“ begründet. „Nicht der Sieg der Volkssouveränität löst die vertrackten Probleme der EU. Die Lösung liegt vielmehr in der Balance zwischen Rat, Parlament und Kommission. Alle drei müssen ihren Hang zur Hybris zähmen. In solcher Bescheidung liegen die Kraft und die Macht der Europäischen Union“, schrieb er vor kurzem auf seinem Blog.


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