Theresia Prammer

Buch (als Herausgeberin und Übersetzerin): Pier Paolo Pasolini – Nach meinem Tod zu veröffentlichen [2021]
(Das Tischgespräch Ii: Sonntag, 28. August 2022 / Beginn: 16.30 Uhr /)

Vor allem wegen seiner Arbeit als Filmemacher vervielfachte sich die zum Teil weltweite öffentlich-mediale Aufmerksamkeit für Pier Paolo Pasolini seit Mitte der 1960er Jahre enorm, was Auswirkungen auf seine Wahrnehmung nach seinem Tode bis heute hat. Denn es gerät oft in Vergessenheit, dass er in erster Linie ein Dichter von unbestrittenem Rang war. „Sein welthaltiges Schreiben trotzt vor ästhetischer Schärfe. Es besitzt eine seltene Qualität: jenes der Überwältigung“, schrieb der Literaturkritiker Björn Hayer kürzlich. Um diese vitale, geradezu körperlich-sinnliche Kraft in seinen Zeilen und Versen nachzuspüren, können die Leserinnen und Leser seit November letzten Jahres auf die umfangreichste Ausgabe von Pasolinis Gedichten zurückgreifen, die unter dem Titel Nach meinem Tod zu veröffentlichen von Theresia Prammer aus dem Italienischen übersetzt und herausgegeben worden ist. Neben den drei Gedichtbände Die Religion meiner Zeit (1961), Poesie in Form einer Rose (1964) und das gewaltige Spätwerk Trasumanar e organizzar (1971), die hier in Auszügen vorliegen, enthält die Sammlung etliche weitere Gedichte aus dem Nachlass.

Die Intensität dieser sprachmächtigen Gedichte speisen sich aus dem wirklichkeitsnahen, oft widersprüchlichen aber alles andere als irrationalen Blick Pasolinis auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich im Entstehungszeitraum der Gedichte rasant auf eine Technokratisierung, Funktionalisierung und Ökonomisierung der menschlichen Natur zubewegt. Für Pasolini sind es „falsche Ideologien“, die den Mythos des Lebens zerstören, den er vor allem in der Einfachheit, Ungezwungenheit und manchmal auch brutalen Naivität der ärmeren Bevölkerungsschichten wahrnehmen wollte. In mannigfachen Gedichten, in denen er immer wieder auch seine eigene Existenz reflektiert, merkt man ihm den inneren Kampf zwischen Trauer und Widerspruch gegenüber seiner Zeit an, eben jene einsame und „verzweifelte Vitalität“, die die große Kraft seiner Poesie ausströmt: „Ich bin eine Kraft der Vergangenheit. / Nur in der Überlieferung ist meine Liebe / […] / Und ich, erwachsener Fötus, streune umher, / moderner als alle Modernen / auf der Suche nach Brüdern, die es nicht mehr gibt.“

Theresia Prammer, 1973 in Niederösterreich geboren, lebt als Autorin, Übersetzerin, Herausgeberin und Veranstalterin in Berlin. Für ihre Arbeit als Übersetzerin erhielt sie 2019 den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung und den Übersetzerpreis Ginkgo-Biloba für Lyrik.

»Das Sich-frei-Schreiben Pasolinis, das seelische auf der Gegenwartshöhe sein, seine eigenen Kommentare in dieser „Zivilpoesie“ schaffen wilde Dringlichkeit, die alle Äußerungen mit Spannung und Stellungen durchzieht, für die sich Nach meinem Tod zu veröffentlichen lohnt.«
[Jonis Hartmann, textem.de]


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