Stefano Zangrando

stellt sein Buch Kleiner Bruder [2020] vor.
(Lesungen und Gespräche am Nachmittag / Samstag, 27. August 2022 / Beginn: 15.30 Uhr)

Bei dem „kleinen Bruder“ im Titel von Stefano Zangrandos wunderbar erzählter Spurensuche handelt es sich um den 1955 geborenen Schriftsteller Peter Brasch, Sohn des bereits verstorbenen letzten stellvertretenden DDR-Kulturministers und Mitglieds im Zentralkomitee der SED, Horst Brasch, der größere Bruder der Radiomoderatorin und Autorin Marion Brasch und eben der kleinere Bruder des 1980 gestorbenen Schauspielers Klaus Brasch und des 2001 verstorbenen Schriftstellers Thomas Brasch. Auch Peter Brasch starb wie sein Bruder Thomas im Jahr 2001, wenige Monat vor ihm.

Stefano Zangrando, der 1973 in Trentino in einer italienischsprachigen Südtiroler Familie geboren wurde und in Bozen aufwuchs, war im Jahr 2000 das erste Mal als Sprachstudent und Praktikant in Berlin, „lernt Ende der neunziger Jahre mit Energie Deutsch und entdeckt Berlin als zweite Heimat“, wie der Autor Ingo Schulze im Vorwort von Kleiner Bruder zu berichten weiß. Immer wieder kehrt Zangrando nach Berlin zurück, sei es als Doktorand und DAAD-Stipendiat oder als Stipendiat der Berliner Akademie der Künste. Persönlich kennen gelernt hat er Peter Brasch nie. Das erste Mal hörte er von Rosemarie, der Herbergswirtin seines Berliner Studentenzimmers, von dem jüngeren Bruder des alle Braschs überstrahlenden Thomas: „Ich wusste, dass er oft bei ihr zu Hause war, eine Art Freund der Familie“, schreibt Zangrando, und so fängt er an, sich langsam für den unbekannten Peter zu interessieren. Aber erst nachdem er einen kurzen Ausschnitt eines Fernsehinterwies mit Peter Brasch sieht, beginnt sich in dem Autor eine vertraute Ruhelosigkeit zu spiegeln, die ihn geradezu nötigt, sich in Berlin auf die Fährte des jüngsten Brasch-Bruders zu begeben und sowohl Orte, Straßen als auch Menschen nach ihm zu befragen. Nicht zuletzt, um einen niemals gleichgültigen Menschen und seine Arbeit als Autor, Regisseur und Dramaturg vor dem Vergessen im eigenen Land zu bewahren.

Es ist „die besessene Suche nach dem wahren Leben, das in jedem Moment mit dem eigentlichen Ich übereinstimmt“, wie Zangrando es gleich zu Beginn seines Buches schreibt. Dabei handelt es sich bei der Rekonstruktion dieses wirklich gelebten Lebens eines Menschen, der einem nahegekommen ist, gleichzeitig um die Befragung des eigenen Lebens, der eigenen Existenz vor dem Hintergrund einer nie anhaltenden Zeitgeschichte, in die jeder Mensch hineingeworfen ist und zu der er sich mit all ihren und all seinen Widersprüchen verhalten muss.

»Stefano Zangrando hat nicht nur einen Seelenverwandten und Weggefährten gefunden. […] Er hat sich einer anstrengenden Orts- und Zeitreise ausgesetzt und auch den deutschen Lesern mit Nachdruck vor Augen geführt, was sie an Peter Brasch haben. Dabei ist er selbst für Peter zum KLEINEN BRUDER geworden.«
[Dietmar Ebert, literaturland-thueringen.de]


Giulio Monteduro

Stefano Zangrando