Stefana Sabin

Buch: Dante. 100 Seiten [2020]

(Das TISCHGESPRÄCH II / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 16.00 Uhr / Einlass: 15.30 Uhr)

Wer einen schnellen Überblick über das Leben Dantes, über seine Zeit, sein Werk – vor allem die Göttliche Komödie – und über seine heutige Wirkung bekommen möchte, sollte zu Stefana Sabins Reclam-Band Dante. 100 Seiten greifen, dem man die Begeisterung Sabins für Dante vor allem wegen seiner nicht vergehenden Aktualität anmerkt, selbst wenn man Dantes Gegenwärtigkeit zunächst in die heutige Zeit übertragen muss, weil sie stets mit seinem persönlichen Schicksal verbunden ist. Genau in diesem Kontext ist es „die dichterische Erfassung der Weltwirklichkeit, die die Komödie bis heute relevant macht“, so Sabin.

Aktuell ist in dieser Hinsicht Dantes Forderung einer Trennung von Kirche und Staat. Aktuell ist sein poetischer Protest gegen die Verlogenheit und Korruptheit von kirchlichen wie weltlichen Potentaten, die er nach eigenen moralischen Maßstäben entweder in der Hölle schmoren oder auf dem Läuterungsberg garen lässt. Aktuell ist selbstverständlich Dantes Situation als politischer Exilant: Er wurde 1301 aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt, in die er bis an sein Lebensende 1321 nicht zurückkehren konnte. Erst im Exil, als Verbannter ohne festen Wohnsitz, beginnt Dante an der Komödie zu arbeiten, „genährt von der Sehnsucht nach der Heimat“, wie Sabin schreibt, was den Dichter ganz zu einer zentralen Gestalt „exilischen Bewusstseins“ mit Blick auf gegenwärtige Flüchtlingserfahrungen macht. Schließlich, so Sabin in einem Gespräch zur Feier des diesjährigen 700. Todestages Dantes, sei die Göttliche Komödie vor allem aber eine besondere Liebesgeschichte, in der Dante durch Hölle und Läuterungsberg (Fegefeuer) gehen muss, um endlich im Paradies auf seine Geliebte Beatrice zu treffen. Dabei schreibt Dante auf der Epochenschwelle zur Renaissance noch ganz im Sinne des christlichen Weltbildes, obwohl er bereits mit der Reise seiner Hauptfigur die christlichen Jenseitsvorstellungen hinterfragt und sich als Individuum mit einem humanistischen Bewusstsein für einen eigenen freien Willen auf diesen Weg begibt.

Stefana Sabin, geboren 1955 in Bukarest, hat in Frankfurt, Haifa und Los Angeles studiert und mit einer literaturwissenschaftlichen Studie über moderne amerikanische Lyrik promoviert. Als freischaffende Literatur-, Kunst- und Sachbuchkritikerin arbeitet sie unter anderem für das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung und als Redakteurin des Online-Magazins FAUST-Kultur. Eine Auswahl ihrer Essays ist 2010 in dem Band Die Wahrheit der Literatur erschienen.

»Dantes Haupt- und Meisterwerk, die Komödie, beschreibt eine sozusagen transhistorische Verzweiflung und zugleich eine unverwüstliche Hoffnung auf eine bessere, jedenfalls weniger schlechte Welt. In dieser Mischung aus realer Verzweiflung und ideeller Hoffnung liegt eine emotionale Qualität, die immer aktuell ist, weil sie eminent menschlich ist.«
[Stefana Sabin, Dante. 100 Seiten]


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