SAID

Buch: SAID/Yamen Hussein, Salam Yamen – Lieber SAID [2017]

Sonntag, 25. August 2019 / 16.30 Uhr / Das Tischgespräch II / AQUA MAGICA-Park

„salam yamen,

ich habe keinen zweifel: unsere korrespondenz tut gut – zumindest mir. du bist ja erheblich jünger und erst seit kurzem im exil; genau deswegen kann ich viel von dir lernen. ich lerne neue fragen. sind sie nicht die voraussetzung für neue einsichten? und die brauchen wir heute dringender denn je. (…)

unsere pflicht ist es, gegen die macht zu schreiben – für eine bessere zukunft“
[SAID in „Salam Yamen – Lieber SAID“]

Es ist einige Jahre her, dass mir SAID seine Visitenkarte überreicht hat. Darauf findet sich nicht viel. Auf der Rückseite wird seine Homepageadresse angegeben. Auf der Vorderseite aber befindet sich nur ein Wort „Schweigen“. Dieses Wort bedeutet für SAID jedoch keinesfalls ein Schweigen gegenüber der Bedrohung der Freiheit durch Ideologien, Ungerechtigkeiten und Lügen in der Welt. Diese nicht zu verleugnen und gleichzeitig der Schönheit, die das Leben bereichert und mit Mut erfüllt, ein stilles Lied in den Zeilen seiner zumeist kurzen und in klarer Sprache verfassten Gedichte zu singen, ist das Geschenk, welches SAID der deutschen Sprache mit jedem neuen Buch nun schon seit über fünfzig Jahren macht. Es ist der Gegensatz zwischen seinen beiden Lebenszeiten und Kulturräumen – Said wurde 1947 in Teheran im Iran geboren und kam 1965 zum Studieren nach Deutschland, wo er aufgrund seiner politisch-oppositionellen Tätigkeit zunächst gegen das Schah-System und später dann auch gegen das Mullah-Regime erst zum Exilanten wurde – mit denen er seit Anfang der 1980er Jahre, seitdem er angefangen hat in Deutschland Bücher zu veröffentlichen, seine neue Behausung erfüllt: die deutsche Sprache. In ihr verbindet SAID die Welt seiner verlorenen Heimat mit der Welt der Fremde, dem Westen und insbesondere Deutschland, das für ihn ein Provisorium geblieben ist in dem er der immer Suchende und also auch der immer Fragende bleibt, wie ein dauerhaft vibrierendes Kind. Dahinter öffnet sich für den Leser und die Leserin eine lebensbedingende Universalität und Nähe in den Arbeiten dieses Schriftstellers, die ihre Zeitlosigkeit und allgemeine Gültigkeit aus der unbedingten Unabhängigkeit sowohl des Autors als auch des Menschen SAID vor jedweder kurzlebigen Mode und Gleichschaltung im Leben wie im Denken bezieht.

Der Dialog aus Briefen und Gedichten, den SAID und Yamen Hussein von Ende 2016 bis ins Frühjahr 2017 miteinander führten, ist ein existentieller Austausch über den Verlust von Heimat, über die Kraft der Erinnerung und Schönheit, über Sprache und Poesie, über Zerstörung und Gewalt, über Flucht und den Versuch des Ankommens. Es ist ein Dialog, vor dem wir nicht wegsehen dürfen, wenn wir nicht wollen, dass „der frieden / ein lidschlag der geschichte“ bleibt, denn das darin Ausgesprochene ist auch unsere Lebenswirklichkeit.


Armin Kühn

SAID