SAID

(Teheran, 27. Mai 1947 – München, 15. Mai 2021)

(Ein Abend für den Dichter SAID / Samstag, 28. August 2021 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr)

„ich rufe nur meine liebe in die welt hinaus,
bis sie zum aufruhr wird und euch erfasst.“

Für SAID
Von Michael Scholz

2002 war SAID das erste Mal zu Gast bei den Poetischen Quellen. Er kam stets gerne wieder, zwischen 2002 und 2019 insgesamt achtmal, und im Laufe der Jahre – 2007 ist während der Leipziger Buchmesse zwischen uns aus dem „Sie“ ein „du“ geworden – ist daraus eine immer engere Freundschaft entstanden, die es mir aber auch von Jahr zu Jahr schwerer machte, eine Seite im Programmheft des Literaturfestes über ihn zu schreiben. Dieses Mal fällt es noch schwerer.

Trauer entfacht oft Zorn und vielleicht sollte ich damit beginnen, denn dann ist immerhin einmal gesagt, was unbedingt gesagt werden muss: Dieser Zorn wird durch ein übergroßes Unverständnis darüber entfacht, das SAID zwei der wichtigsten deutschen Literaturpreise nie bekommen hat, obwohl er beide mehr als verdient gehabt hätte. Ich meine hiermit sowohl den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den der Börsenverein jedes Jahr in der Frankfurter Paulskirche während der Buchmesse verleiht. Diese Achtlosigkeit fällt zurück auf die preisverleihenden Einrichtungen.

Der Mensch, der Dichter und der Freund SAID war jemand, dessen Leben sich zwischen den Zuständen des eigenen Exils und der Suche nach Liebe und Schönheit bewegte, auch im übertragenen Sinn bezogen auf das Leben der Menschen. Nach seiner Ankunft in Deutschland 1965 wurde ihm die deutsche Sprache schnell zu einer zweiten Heimat. Aus Opposition – zuerst gegenüber dem Schah, dann gegenüber dem Mullah-Regime – konnte er nie wieder in seine ersehnte persische Heimat zurückkehren, abgesehen von wenigen Monaten 1979 in der Übergangszeit von der militärischen in die religiös-fundamentalistische Diktatur des Iran.

»die poesie ist meine art
der unruhe«

Eine Unruhe ließ SAID immer dann vibrieren, wenn er Freiheit und Unabhängigkeit durch Ideologien, Ungerechtigkeiten, heuchlerische Doppelmoral und Lügen in der Welt wahrnahm. Er, der immer Suchende und immer Fragende, schuf daraus eine Poesie, die mit ihrer Kürze und mit ihrer sprachlichen Klarheit und Schönheit darauf aus war, „die dinge zusammenzubringen, damit eine gegenerzählung möglich ist“ gegen „den aberglauben des fortschritts“. Seine 2007 veröffentlichten Psalmen sind ein auf Augenhöhe geführtes Gespräch zwischen ihm und Gott, gegründet auf einer Spiritualität, die sich SAID von allen monotheistischen Religionen gewünscht hätte, weil sie ohne religiöse Eiferer auskommt und einen Dialog unter Gleichberechtigten vor einem demütigen Gott möglich macht.

Auch 2012 war SAID wieder zu Gast bei den Poetischen Quellen. Zusammen mit dem israelischen Schriftsteller Asher Reich lasen beide aus ihrem poetischen Briefwechsel in der Auferstehungskirche von Bad Oeynhausen. Ein gebürtiger Moslem traf auf einen bekennenden Juden in einer christlichen Kirche. Das gefiel beiden. In unser Gästebuch notierte SAID hinterher: „Ich kam mit Herrn Reich und ging gern ganz arm weg.“

Ernsthaftigkeit und Humor, ein tiefes Mitempfinden für Ungerechtigkeit und Schamlosigkeit ebenso wie mit Situationen des einfachen Glücks und der fast schon kindlichen Freude – beide Seiten vereinte SAID in sich und beide konnte er urplötzlich mit einer geradezu körperlichen Vibration durchleben. Wenn er etwas erzählte, was ihm nahe ging, ob es sich dabei um etwas Trauriges oder Schönes handelte war dabei völlig egal, standen ihm schnell Tränen der Ergriffenheit in den Augen und man war versucht, ihn sofort in die Arme zu schließen.

Neben dem Literaturfest verabredeten wir uns mit SAID so oft es ging auf den Buchmessen in Leipzig oder Frankfurt, versuchten, bei Preisverleihungen mit dabei zu sein, und planten fast immer auf unseren Wegen in den Süden oder zurück einen Zwischenstopp in München ein, wo SAID über 50 Jahre lebte und arbeitete. Wir verabredeten uns im Stadtcafé gegenüber der Synagoge oder zum Essen, entweder in einem Restaurant in der Dachauer Straße, die SAID als „Little Teheran“ bezeichnete, weil es hier viele persische Restaurants und Geschäfte gab, oder ins „Servabo“, einem kleinen Gasthaus in Haidhausen, dessen Inhaber ein Freund von SAID war, ebenfalls ein Exiliraner. Wenn wir eintrafen, saß SAID, der Iraner mit preußischer Überpünktlichkeit, immer schon da. In Anzug und Weste sprang er bei Sichtkontakt auf, wenn wir noch gar nicht im Restaurant oder Café waren, um uns noch auf der Straße umarmend zu begrüßen. Die äußere, konservativ anmutende Form war dabei nicht das Gegenstück zu seinem unbändig freiheitsliebenden Geist. Es war vielmehr der Spiegel des Bewahrens einer aufgeklärten, humanistischen Tradition des freien, uneingeschränkten Denkens und Kritisierens, das er einem Europa entgegenhielt, das sich von diesen Traditionen immer weiter entfernte.

»die poesie ist meine art
zu verschwinden«

2014 schickte mir SAID im Anhang einer E-Mail einen Text mit der Frage, ob ich nicht einen Verlag wüsste, der ihn veröffentlichen könnte. Der Text trug den Titel ein virbrierendes kind und stellte sich als die Kindheits- und Jugenderinnerungen heraus, die SAID an den Iran hatte. Sie muten an wie ein Langgedicht mit ihrer poetisch-kraftvollen Sprache, die so einfach wie anschaulich ist. Man spürt die Sehnsucht nach Heimat, die in den Zeilen steckt, und fühlt sich beim Wiederlesen dieses immer noch nicht veröffentlichten Buches voller Schmerzen an den Titel eines früheren Gedichtbandes von SAID erinnert: Wo ich sterbe ist meine Fremde.

Und unter Tränen schreit sich ein Satz heraus: „Nein SAID, Du wirst nicht in der Fremde verschwinden!“


Isolde Ohlbaum

SAID