Safiye Can im Gespräch mit Lina Atfah

stellt ihren Gedichtband „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ [2016]

(Das Tischgespräch II / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 15.00 Uhr / Einlass: 14.30 Uhr)

Safiye Can, in Deutschland als Kind tscherkessischer Eltern geboren, wächst zwischen zwei Kulturen auf. Ihr Gedichtband spiegelt die Frage nach Identität und Zugehörigkeit wider, vor allem aber auch die Probleme der Integration. Can klagt an und weckt auf mit ihrer Lyrik, schafft Bewusstsein für den Hass und die ungewollte, unverschuldete Ausgeschlossenheit. Ihre Verse sind dabei konzise, aber eindrucksvoll: Gewöhnliche Situationen werden von ihr aus einer Alltäglichkeit befreit und erstrahlen somit im Licht des Außergewöhnlichen. „Sie schreibt Gedichte, deren Worte sich im Leser festsetzen“, heißt es in der Frankfurter Rundschau.

Die zentralen Fragen lauten: Welchen Platz nimmt das Individuum in einer Gesellschaft ein, die Individualität nicht begrüßt? Was bedeutet Heimat und Zugehörigkeit? Wie entstehen diese Ideen und was verhindert mögliche Integration? Cans Gedichte ziehen Bilanz, erzählen von Glück und Enttäuschung, setzen die Erinnerungen der Kindheit in Beziehung zu dem, was wir „Ernst des Lebens“ nennen. Sie eröffnen Einblicke in das Unvollendete, sie träumen ohne (selbst-)auferlegte Hindernisse. In Kinder der verlorenen Gesellschaft finden sich unterschiedliche Formen der Poesie: Langgedichte, kurze Alltagsgedichte, visuelle und konkrete Poesie. Ihre Liebesgedichte funktionieren ohne Kitsch, die Sprache wird zum Leben erweckt und trifft die Leserinnen und Leser in leisen, aber eindringlichen Tönen.

Der angestrebte kulturelle Austausch spiegelt sich in Cans Gedichten wider, das Fremde muss nicht für immer fremd bleiben: Es könnte sogar zur Wahlheimat werden. Der Ton klingt vertraulich, aber nicht aufdringlich. Die Sprache zaubert unverstellt Poesie. Oft fließen politische Aspekte hinein, die ironisch gebrochen werden. Der Migrationshintergrund, die Bilingualität, das sind Erfahrungen der Einwanderung in ein neues, fremdes Land, verbunden mit den Herausforderungen von Ausgrenzungen und Vorurteilen. In ihrem Gedicht „Möglicherweise ganz und gar“ wird ergründet, was Heimat sein könnte: „Vielleicht ist Heimat […] Frau Grün / vom Erdgeschoss, die über alle schimpft / vielleicht“.

Safiye Can, 1977 in Offenbach a.M. geboren, studierte Philosophie und Rechtswissenschaft in Frankfurt. Die Lyrikerin, Übersetzerin und Herausgeberin leitet Schreib- und Lyrikwerkstätten an Schulen und anderen Einrichtungen, um Kinder und Jugendliche an Poesie heranzuführen und mit ihnen eigene Texte zu entwickeln. Sie ist Mitglied es PEN-Zentrum Deutschland und des Internationalen PEN, arbeitet ehrenamtlich bei amnesty international und ist Vorstandsmitglied der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen.

„Ohne Kitsch und mit einer verführerischen sprachlichen Leichtigkeit schreibt sie von Heimat, Liebe und Verlorenheit.“
[Hannah Hanemann, aviva-berlin.de]

Das Tischgespräch II wurde von den Studierenden Nina Brennecke, Laura Säumenicht, Svenja Greifenberg und Sam Lukas Siefert von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld in enger Zusammenarbeit mit den „Poetischen Quellen“ geplant. Die Autorentexte zu Lina Atfah und Safiye Can wurden von ihnen verfasst.


Wallstein Verlag

Safiye Can