Sa, 25.08.2018 / 18.00 Uhr / Eintritt: 11,00 € (Nachmittagskarte!)
Ort: Naturbühne od. Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Das Tischgespräch II:
„Zurück zur Literatur!“ – Über den Mut des Zweifelns, die Kraft der Zerstreuung und den Widerstand gegen das vorgegebene Denken.

Roland Reuß im Gespräch mit Aris Fioretos


(c) Thomas Troester

Roland Reuß

Bücher u.a.: Ende der Hypnose – Vom Netz und zum Buch [2012], Philologie als Rettung [2016], Fors. Der Preis des Buches und sein Wert [2013]

Die gerade im Kulturbereich so verbreitete Phrase, man müsse die Leute >dort abholen, wo sie sind<, ist im Kern zynisch. Sie setzt die Dumpf- und Dummheit der Abzuholenden voraus – und bei den Abholenden als Haltung die Großzügigkeit, der Sache nach Herablassung. Versaut ist mit dieser Übung aber jede respektvolle Haltung gegenüber dem Anspruch, den ein neuer Gedanke, ein anspruchsvoller intellektueller Zusammenhang von sich aus aufrichtet. Jemanden dort >abholen<, wo er sich befindet, heißt Senkung dieses Anspruchs.“
[Roland Reuß aus Ende der Hypnose]

Wer kann heute im Angesicht des gesellschaftlichen und ökologischen Zustands der Erde noch ernsthaft an die Fortschrittsideologien glauben, die den privaten Technologiekonzernen des Silicon Valley entspringen und, zusammen mit den „Global Playern“ der Finanzwirtschaft, die totale Vernetzung, Digitalisierung und somit Homogenisierung des Lebens als Allheilmittel betrachten? Roland Reuß jedenfalls nicht.
Schon 2009 hat er den Heidelberger Appell gegen die Missachtung des Urheberrechts durch Google und die Open-Access-Strategie initiiert. Den von den Digitalisierungsfetischisten als neutral und dezentral gepriesenen Möglichkeiten des „Netzes“ hält Reuß die unleugbare Tatsache entgegen, dass es sich dabei um extrem zentralisierte Systeme handelt, gesteuert von wenigen Firmen. Monopolisten wie Google, Facebook und Amazon gelingt es immer mehr, unsere Wahrnehmungsstrukturen zu deformieren und einen Begriff von Kultur zu lancieren, der nichts mehr mit Freiheit und der dazu dringend erforderlichen Konzentration zu tun hat. Was Reuß mit seinen Schriften unternimmt, ist weniger eine Kritik der Digitalisierung als vielmehr notwendige Gesellschaftskritik. Diese ist vor allem deshalb wichtig, weil gerade die Immaterialität von Daten im Netz viel leichter der Manipulation ausgesetzt sind als die Fixierung von Gesetzen, Biographien und Erzählungen in der analogen Form des Buches, noch dazu wenn dieses in zahlreichen Exemplaren auf allen Kontinenten der Welt verteilt ist. „Zu begreifen wäre“, so Reuß, „dass selbständiges Buch und autonomes Individuum aufs Engste zusammengehören – die Krise des Buchs ist dessen ureigenste Krise. An der Form der Bücher, die, so Adorno, «Absonderung, Konzentration, Kontinuität» meint, spiegelt sich nur wider, was Anspruch selbständiger Individualität war und – wenn man sich nicht völlig der kontinuierlichen Gehirnwäsche unterworfen hat – auch heute immer noch aufrechtzuerhalten ist. An deren Formlosigkeit hingegen, ihrer Auflösung, zeigt sich Subjektivität nur noch in ihrem Verschwinden.“
Roland Reuß, 1958 in Karlsruhe geboren, lehrt heute Literaturwissenschaft und Editionsphilologie an der Universität Heidelberg. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.