Roberto Cotroneo

Bücher u.a.: Wenn ein Kind an einem Sommermorgen [1998], Diese Liebe [2008], Die Jahre aus Blei [2010]

Samstag, 24. August 2019 / 20.00 Uhr / Die Autorenbegegnung IV / AQUA MAGICA-Park

Heute, lieber Francesco, vermisse ich Leute wie ihn, die von einem Thema zum anderen schweifen können, ohne dabei das geistige Niveau absinken zu lassen. Ich hoffe, dass Du auch solch ein Glück haben wirst, denn nur Leute wie er können Dir begreiflich machen, dass die Literatur, (…), nicht nur ein intellektuelles Spiel ist, sondern das einzige Mittel, die Welt zu verstehen, das einzige, sie durch die Brille der Mehrdeutigkeit zu sehen, die heute außer Gebrauch gekommen ist.
[aus: Roberto Cotroneo, „Wenn ein Kind an einem Sommermorgen“]

Nein, der 1961 in der piemontesischen Stadt Alessandria geborene Roberto Cotroneo ist kein an der Gegenwart verzweifelnder Mensch. In Italien war er längst als Journalist und unbarmherziger Literaturkritiker bekannt, bevor er mit seinem 1994 erschienen Buch Wenn ein Kind an einem Sommermorgen zum Schriftsteller wurde. Wie in seinen Artikeln zuvor, zeigte er sich auch in diesem langen Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern – so der Untertitel – als ein genauer Beobachter und widerspenstiger Kritiker seiner Zeit. In sechs wunderbaren, autobiografisch gefärbten Kapiteln erzählt ein Vater seinem Sohn auf ebenso spielerische wie zärtliche und leidenschaftliche Weise von der Welt der Bücher und davon, welche Schriftstellerriesen prägend für ihn und seine Beziehung und Haltung zur Welt waren. Damit eröffnet Cotroneo auch den Lesern ein Panoramafenster auf die Welt der Literatur und Kultur, von der er genau weiß, dass nur in der Auseinandersetzung mit ihr die Zauberkräfte der Kreativität und Phantasie entstehen können, die letztlich notwendig sind, um den Menschen und die Menschheit im Prozess ihrer Zivilisierung voranbringen zu können. Die Warnung, die er im Buch seinem Sohn gegenüber ausspricht, richtet sich auch an die Leser: „Deshalb mußt Du Angst vor dem Mangel an Kultur haben und vor denen, die keine Sprache finden wollen, um mit anderen zu kommunizieren. Deshalb mußt Du denen mißtrauen, die ihre eigene Vergangenheit nicht kennen wollen, …“

Die unerträgliche Welt des Egoismus und des Mittelmaßes, die nur noch aus Marketing zu bestehen scheint, beschreibt Cotroneo auch in seinem jüngsten Roman Niente di personale, Nichts persönliches, der dringend darauf wartet, ins Deutsche übersetzt zu werden. Am Beispiel Italiens erzählt Cotroneo hier von einer Zivilisation, die es nicht mehr gibt. Der Erzähler schaut auf die vergangenen dreißig Jahre zurück und fragt sich, wie es passieren konnte, dass all das verschwunden ist, was es früher einmal gab: die Kultur der Zeitungen, die Einsprüche der Intellektuellen, die Neugier zwischen den Generationen, die Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart …


Roberto Cotroneo