Raul Zelik

(„Das Sonntagsgespräch“ / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 11.00 Uhr)

Bücher u.a.: Wir Untoten des Kapitals [2020], Im Multiversum des Kapitals [2016] und Der Eindringling [2012]

„In Momenten der Krise braucht man konkrete Antworten für konkrete Probleme. Man muss aber auch immer wissen, in welche Richtung man sich bewegen will, und dafür wiederum benötigt man gesellschaftliche Entwürfe, die über das Bestehende hinausreichen. (…) Über solche Gegenentwürfe der Solidarität, der Gleichheit, der Demokratie und der Sorge um das Leben müssen wir reden. Jetzt, da die Maschine für einen Moment zum Stehen gekommen ist. Die Pandemie ist ein Scheideweg – entweder wir entscheiden uns für ein Projekt des Lebens oder für eines der beschleunigten gesellschaftlichen Zerstörung.“
[aus: Raul Zelik, „Wir Untoten des Kapitals“]

In dem anarchischen Zug, mit dem es einen Virus gelingt, die herrschende Ordnung aufzustören und anzuzweifeln, hat es den Anschein als sei Corona allen Protesten gegen die Ungerechtigkeiten und Lebenszerstörungen zu Hilfe gekommen, die ein auf Konkurrenz, reinen Kapitalmehrwert, Wachstum und Ressourcenausbeutung bestehendes globales Gesellschafts- und Wirtschaftssystem in den vergangenen gut vierzig Jahren aufgebaut hat. Zeiten der Umbrüche sind vor diesem Hintergrund auch für Raul Zelik immer gute Zeiten für das Hinterfragen. In diesem Sinne demaskiert das unvorhersehbare Virus deutlicher als viele Proteste oder Gegenbewegungen dies in der Vergangenheit geschafft hätten die von Zelik so bildhaft bezeichnete „Zombification“ der Gesellschaft: Obwohl gerade in westlichen Gesellschaften so sehr auf Selbstbestimmung und Individualismus gepocht würde, folgen die gesellschaftspolitischen und ökonomischen Entwicklungen einer Logik, die dieser Freiheitforderung offen widerspricht, so dass sich immer mehr Menschen wie „Untote“ vorkommen, die unter Kontrollverlust und Fremdbestimmung leiden. „Wie lernen nicht, um die eigene Persönlichkeit zu entfalten“, so Zelik, „sondern um ›Humankapital‹ für die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu bilden.“ Sein Buch stellt eine überzeugende Fürsprache für einen dringend benötigten emanzipatorischen Gegenentwurf unseres derzeitigen Gesellschaftsmodells dar, in dem er u.a. den Gedanken eines „grünen Sozialismus“ ins Spiel wirft.

Der Sozialwissenschaftler, Schriftsteller und Publizist Raul Zelik, 1968 in München geboren, studierte er an der FU Berlin Politikwissenschaften und Lateinamerikanistik. Sein Interesse galt der Anwendung theoretischer Konzepte auf die zeitgenössische lateinamerikanische Politik. 2009 wurde er an der Nationaluniversität Kolumbiens zum Professor für Politikwissenschaften berufen und lehrte Politische Theorie und Internationale Politik in Medellín. Nach längeren Aufenthalten in Lateinamerika kehrte er 2013 nach Deutschland zurück, wo er publizistisch u.a. für den Freitag, die ZEIT, den WDR und den Deutschlandfunk tätig ist. Er lebt in Berlin.


Ferran Cornellà

Raul Zelik