Raoul Schrott

Buch: Die Kunst an nichts zu glauben [2015]
(Die Autorenbegegnung III: Samstag, 27. August 2022 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.45 Uhr und Beim Frühstück mit dem Autor: Sonntag, 28. August 2022 / Beginn: 9.00 Uhr im Alten Wartesaal des Löhner Bahnhofs))

Wer jemals das italienische Ravenna besucht hat, die Stadt, in der Dante begraben liegt, und sich hier die meisterhaften Wand- und Deckenmosaiken in der Basilika San Vitale angesehen hat, kann mit diesen Eindrücken vielleicht erschließen, wie raffiniert und kunstvoll Raoul Schrott seinen letzten Gedichtband Die Kunst an nichts zu glauben aufgebaut, ja verfugt hat. Aber, wie oft bei Schrott, muss man auch hier aufpassen, denn „wer ein Buch von Raoul Schrott zur Hand nimmt, muss auf die Vorspiegelung wahrer Fiktion gefasst sein“, wie die Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer schreibt.

Auch in der Kunst an nichts zu glauben führt Schrott seine Leserinnen und Leser über einen Umweg in das Buch hinein, den man dem Autor glauben kann oder nicht, und der ebenfalls in Ravenna seinen Ursprung nimmt: Hier, in der Biblioteca Classense, stieß Schrott auf ein Manuskript eines unbekannten Autors aus dem 17. Jahrhundert, das sich als ein Handbuch der vorübergehenden Existenz (Manuale dell`esistenza transitoria) erwies, welches selbst wiederum die Übersetzung eines lateinischen Ursprungtextes mit dem Titel De Arte Nihil Credendi war, dessen diesmal bekannter Autor, Geoffroy Vallées, im 16. Jahrhundert gelebt hat. Schrott – nicht nur Schriftsteller, sondern auch Übersetzer aus vielen Sprachen – stellt nun von ihm selbst übersetzte Ausschnitte aus dem Handbuch seinen eigenen Gedichten zur Seite, in denen er gleich zu Beginn schon folgenden, nicht zu unterschätzenden Hinweis gibt: „wie auch die wahrheit der wir uns jetzt übergeben / ein mosaik ist elementarer teilchen – splitt / den wir zu welt zusammensetzen …“. Um dieser Wahrheit im Alltäglichen näherzukommen finden sich unter den Gedichten immer wieder auch Porträts von Berufen oder Tätigkeiten. So sind die Gedichte u.a. überschrieben mit „Der Busfahrer“, „Der Reisende“, „Der Taucher“, „Die Kassiererin“ oder „Der Flüchtling“. Gereizt habe ihn daran, so Schrott, „die conditio humana im Hier und Jetzt zu beschreiben. […]. Nicht in großen Gesten, sondern im meist Unauffälligen. Es hat mich […] angetrieben, hinter all dem Zeitgeistigen zu erkennen, wie ein jeder mit dem stets nur Vorläufigen unserer Existenz fertigzuwerden versucht, …“ So sind Gedichte in einem Fluss, ohne Satzzeichen entstanden, in denen jedes Wort ein Mosaiksteinchen auf der Suche nach Sinn ist, die, wenn sie gelingt, Schönheit erzeugt.

»… hier geht es nicht um Atheismus, sondern um ein „gemeinschaftliches Gewissen“, das sich in den Berufen und Werdegängen der Menschen darbietet. […]. Warum also sollte man Raoul Schrott nicht einen metaphysischen Poeten nennen und seine jüngste literarische Bemühung den Versuch, an etwas zu glauben?«
(Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung]

 

Zu Raoul Schrott:

»… es scheint nichts zu geben, das den Wissensdurst dieses Universaldichters und -denkers zu stillen vermag. […]. So viele Kreativitäten, die sich in einer Person bündeln! … Die Suche nach dem Allumfassenden, nach dem das All Umfassende ist die Triebfeder von Schrotts Schaffen.«
[Guido Kalberer, Tages-Anzeiger, Zürich]

Wer ist der Mensch und Schriftsteller Raoul Schrott, der von sich selbst einmal sagte, „dabei gibt es für mich nichts Lustvolleres, als Gedichte zu schreiben: Einen Moment von Welt in all seiner schwebenden Vielschichtigkeit abzubilden, ihn durchsichtig werden zu lassen, klar.“

Gibt es hier überhaupt einen Unterschied zwischen dem Beruf oder der Berufung zum Schriftsteller und dem Leben darum herum, oder lassen sich die Trennlinien gar nicht ziehen, gibt es sie vielleicht gar nicht?

In seiner Aufnahmerede an der Deutschen Akademie für Sprache und Wissenschaften in Darmstadt stellte er sich im Jahr 2002 zu Beginn so vor:

„Ich heiße Raoul Schrott, was kein Pseudonym ist, bin auf einem Schiff geboren, wie ich gern behaupte; in Tirol groß geworden, nachdem ich in Zürich und Tunis lesen lernte, habe ich in Innsbruck, Norwich, Berlin und Paris studiert, über die Dadaisten dissertiert, mich an Poetiken von der Antike über das Mittelalter bis zur Gegenwart als Komparatist habilitiert, in Neapel Germanistik gelehrt, in Frankreich gelebt wie in Irland …“

Geboren wurde Schrott 1964 und die Berufsbezeichnung Schriftsteller ist nicht nur wegen des Schriftstellers ungenügend, sondern auch weil sein Tun und seine Beschäftigungen vielmehr sein Leben bezeichnen. Seine Lebensbezeichnungen sind also wenigstens Schriftsteller, Essayist, Lyriker, Übersetzer, Reisender, Forschender, Literaturwissenschaftler, Komparatist, Dozent, Sekretär …

Bei den „Poetischen Quellen war der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schrott bisher insgesamt erst vier Mal zu Gast:

  • 2004 mit dem Roman Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde
  • 2016 mit dem Epos Erste Erde
  • 2019 gleich bei zwei Veranstaltungen mit dem von Schrott übersetzten Roman An den Mauern des Paradieses von Martin Schneitewind und mit dem eigenen Roman Die Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal
  • und in diesem Jahr mit der Kunst an nichts zu glauben.

Heute lebt er in einem Dorf im Bregenzerwald im österreichischen Vorarlberg und zur Zeit arbeitet Schrott mit Unterstützung der Bundeskulturstiftung am dem großen Projekt Atlas der Sternenhimmel, mit dem er dann wohl ein weiteres Mal bei den „Poetischen Quellen“ zu Gast sein wird …


Peter Andreas Hassiepen

Raoul Schrott