Norbert Gstrein

stellt seinen Roman Der zweite Jakob [2021] vor.

(Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 14.00 Uhr / Einlass: 13.30 Uhr)

Der Titel des neuen Romans von Norbert Gstrein trägt gleich mehrere Verweise in sich, wie auch die sich im Buch überlagernden Erzählstränge. Jakob hieß bereits die Hauptfigur in Gstreins Debütroman Einer. Den gleichen Namen trug Gstrein wirklicher Onkel und er selbst wurde im Dorf seiner Kindheit mit Blick auf eben diesen Onkel als „zweiter Jakob“ bezeichnet: „Das war als Drohung gemeint, wo es mit mir hinführen würde, wenn ich den Kopf nicht aus meinen Büchern herausbekäme und nicht endlich den Ernst des Lebens begriffe.“

Der Jakob im Roman, ein bekannter Schauspieler aus Tirol, steht kurz vor seinem 60. Geburtstag und blickt widerstrebend auf die dafür in seinem Herkunftsdorf geplante Feier, zu der er eingeladen ist. Nicht nur durch die Fragen seiner Tochter, sondern auch durch die eines Biographen, auf dessen Interviewanfrage er sich eingelassen hat, sieht sich Jakob damit konfrontiert, auf die Lesarten seiner Biographie, auf Fragen nach Schuld und Scham sowie der äußeren Erwartung einer festgelegten Ordnung seines Lebenslaufs eine moralisch einwandfreie Antwort geben zu sollen. Dabei erleben wir Jakob als eine Person, die, ausgestattet mit einem geradezu Thomas Bernhardschen Herkunftskomplex, angetrieben wird von einer Sehnsucht des Verschwindens und der Identitätszersetzung aus Angst vor dem Urteil „tatsächlich der und der gewesen zu sein und nicht ernsthaft genug versucht zu haben, ein anderer oder gar besserer zu werden und jeder Festgelegtheit zu entkommen.“ Autor wie Erzähler wissen, dass sich ein Leben nicht nur über Daten und belegbare Tatsachen beurteilen lässt. Zur Geschichte eines jeden Menschen gehört immer ein Unterton der Wirklichkeit, für den der Klang der Realität keine messbare Größe einer einfachen ethischen Bewertung darstellt, weil die Wahrnehmungen des Lebens sich jedweder Eindimensionalität entziehen. Wahrheit ist niemals um den Preis der Vereinfachung zu erhalten, das weiß Gstrein und das quält seinen Protagonisten, dieses „Kind im Winter“.

Norbert Gstrein, 1961 in Mils in Tirol geboren, studierte Mathematik und Sprachphilosophie. Mit einer Promotion über das Thema „Zur Logik des Fragens“ schloss er 1988 sein Studium ab. Im gleichen Jahr erschien sein vielbeachteter erster Roman Einer. Anschließend widmete Gstrein sich ganz der Literatur, es folgten viele Roman, für die er zahlreiche Auszeichnungen bekam. Für Der zweite Jakob erhielt er jüngst den Düsseldorfer Literaturpreis. Gstrein lebt und arbeitet in Hamburg.

»Das Abschaffen von Eindeutigkeit geht bei Norbert Gstrein stets einher mit dem Erzeugen von Genauigkeit. Er wird seinen Figuren gerecht, indem er ihnen verbindliche Zuschreibungen erspart. Darin besteht Gstreins Menschlichkeit. Am Ende stehen wir vor einem Leben, das gerade noch einmal in aller Ungewissheit neu geschrieben, neu aufgeschrieben wurde.«
[Christoph Schröder, Deutschlandfunk Kultur]


Oliver Wolf

Norbert Gstrein