Michael Krüger

(Donnerstag, 26. August 2021 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr
und Samstag, 28. August 2021 / Beginn: 14.00 Uhr)

Bücher am Donnerstag:
Meteorologie des Herzens [2021] und von Guido Morselli, Dissipatio humanis generis [2021];

Bücher am Samstag:
Mein Europa [2019] und Im Wald, im Holzhaus [2021]

Seite 1 (zur Veranstaltung am Donnerstag):
Es gibt zwei Seiten zu Michael Krüger im diesjährigen Programmheft, wobei das ganze Heft nicht ausreichen würde, um all das über sein Leben und Werk niederzuschreiben, was es festzuhalten gäbe. Hin und wieder schreibt er selbst über sich, wie in dem schmalen Buch Meteorologie des Herzens. Wie immer weicht er dabei schnell von seiner eigenen Person ab, kommt auf seinen Großvater zu sprechen oder auf andere Menschen, die ihm wichtig sind, vorzugsweise Schriftsteller, oder natürlich auf Bücher. Darin offenbart sich einer der schönsten Züge von Michael Krüger, denn obwohl er genau weiß, was er ist und geschaffen hat, nimmt er sich nie zu wichtig.

Man weiß, dass er einer der wichtigsten Verleger Deutschlands gewesen ist; man weiß, dass er als Autor, besonders als Lyriker einer der anerkanntesten Deutschlands ist; man weiß, dass er Übersetzer, Herausgeber, Jurymitglied, Akademiepräsident, Redenschreiber, Vorstandmitglied, Autorenförderer und -freund war und zum Teil immer noch ist; man weiß, dass er bei all dem immer ein großer Leser war und ist. Aber auch wenn man nicht weiß, wann er eigentlich schläft, so ist das alles wahr. Was Michael Krüger aber vor allem ist, ist eines: Er ist die Literatur. Und es kann passieren was will, er begegnet ihr zwangsläufig auf Schritt und Tritt und versäumt dabei nie, andere ebenfalls in ihre wunderbaren Sphären hinein zu ziehen, die dann vermutlich das gleiche wie er aus dieser Begegnung erfahren: Die Welt wird größer, reicher, erträglicher. Zwei Beispiele dazu: Als er Anfang der 1980er Jahre ein Stipendium der Villa Massimo in Rom antritt, ist es der italienische Großschriftsteller Alberto Moravia, der ihm als erstes in Rom über den Weg stolpert. Aus dieser Begegnung ergaben sich weitere, u.a. zu Elsa Morante und Natalia Ginzburg. Und bei der Vorbereitung auf die Poetischen Quellen erinnerte er mich an ein Buch von Guido Morselli aus den späten 1970er Jahren mit dem rätselhaften Titel Dissipatio humanis generis, das ich zwar im Bücherschrank stehen, aber bisher nicht gelesen hatte. Er empfahl, es vor dem Hintergrund der Pandemie zu lesen, wie auch das Buch Enzyklopädie der Toten von Danilo Kiš – und den Horizont damit zu erweitern, das sagte er aber nicht.

Letzten Ende ist das Geheimnis von Michael Krüger nichts Besonderes. Er behandelt die Menschen einfach als Menschen, egal ob es Buchhändler, Professoren, Wirtschaftsmagnaten, Schriftstellerkollegen, die Kulturstaatsministerin oder der Bundespräsident sind. Das kann er so tun, weil er durch die Literatur, die vielen Bücher, die für ihn „neben Pasta, Tomaten und Olivenöl“ seine „wichtigsten Lebensmittel“ sind, gelernt hat, dass Leben würdevoll mit dem unentbehrlichen Staunen zu betrachten und immer darauf aus ist, „die sich täglich öffnenden Möglichkeiten, über die Welt nachzudenken“ wahrzunehmen. Eine Chance, die uns die Literatur allen bietet.

»ich habe nichts getan,
ich wollte einfach verstehen«
[Zbigniew Herbert in einem Gedicht für Michael Krüger]

Seite 2 (zur Veranstaltung am Samstag):
Gelegenheit macht Diebe, heißt ein Sprichwort, und Michael Krüger flaniert in seinem 2019 erschienen Gedichtband Mein Europa mit einem diebischen Blick zumeist am frühen Morgen durch die Städte und Gegenden Europas, in die er meistens aus Gründen der Literatur gereist ist. Dabei stehlen seine aufmerksamen Augen mit zupackendem Blick jene Momente im aufwachenden Treiben einer Stadt oder in dem natürlichen Geschehen einer Landschaft, eines Parks oder eines Gartens, die er dann anschließend in seinem Hotelzimmer in wohlklingende und zum Mitdenken und Mitschauen anregende Zeilen und Verse gießt, die so leicht wirken als seien sie im Vorübergehen geschrieben worden, so dass man ihren melancholischen Geschmack oft erst im Nachklang bemerkt. Gelegenheitsgedichte sind es, die so entstehen, und nach Krüger machen diese Gedichte, die auf eine Wahrnehmung oder ein Erlebnis antworten, wohl 90 Prozent aller Gedichte aus.
Der mit Michael Krüger befreundete italienische Schriftsteller und Intellektuelle Claudio Magris bezeichnete Mein Europa als „ein zurückhaltendes, fast schüchternes, aber präzises Buch des Widerstandes.“ Widerstehen will Michael Krüger mit der Stille seiner Gedichte gegen eine Entwicklung in Europa, die er mit großen Bedenken wahrnimmt. Auf der Friedrichstraße in Berlin kommen ihm folgende Zeilen dazu in den Sinn: „Wir müssen so von der Welt reden, / dass sie sich selbst erklärt, aber es fehlt ein Wort, / dieses eine, zu dem kein Weg mehr führt.“ Damit bringt er seine Enttäuschung über ein Europa zum Ausdruck, das Gefahr läuft „in alte nationalstaatliche Strukturen“ zurückzufallen und dabei seine Freiheit aufs Spiel setzt, was Krüger „zutiefst zuwider“ ist, wie es im Nachwort heißt.
Vor diesem Hintergrund sind die von ihm geliebten Vögel, die er in allen Städten und Landschaften Europas sieht, die wahren und einzig aufgeklärten Europäer, denn sie machen sich nichts aus Grenzen, sondern fliegen einfach über sie hinweg. Sie sind es auch, die er Im Wald, im Holzhaus – so der Titel seines neuen Gedichtbandes – stets mit Freude begrüßt. Entstanden sind diese Gedichte in einer Zeit der unfreiwilligen Isolation in seinem Holzhaus am Starnberger See. Dorthin musste sich der 1943 geborene Michael Krüger wegen einer schweren Krankheit und aufgrund der Corona-Pandemie in den vergangenen gut 20 Monaten zurückziehen. Die wichtigste Einsicht dieser neuen lyrischen Meditationen ist es wohl, dass man das Ungeplante zulassen und Umwege auf sich nehmen muss, um die Schönheit des Lebens auch trotz der feststehenden Vergänglichkeit annehmen zu können.

»Und ein Gedicht ist doch immerhin eine komprimierte Erfahrung, die man in einer Minute
oder sein ganzes Leben lang lesen kann.«
[Michael Krüger 2017 in einem Gespräch auf NDR Kultur]


Isolde Ohlbaum

Michael Krüger