Markus Gabriel

(„Das Sonntagsgespräch“ / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 11.00 Uhr)

Bücher u.a.: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert [2020] und Fiktionen [2020]

Die Corona-Krise hält uns einen Spiegel vor: Sie zeigt uns, wer wir sind, wie wir wirtschaften, wie wir denken und empfinden, und eröffnet damit Spielräume einer positiven menschlichen Veränderung. Diese orientiert sich im Idealfall an moralischer Einsicht. Wir können die gesellschaftlichen Verhältnisse nur verbessern, wenn wir mehr als früher beachten, was wir aus moralischen Gründen tun und was wir unterlassen sollen.
[aus: Markus Gabriel, „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“]

In seinem neuen Buch geht der Philosoph Markus Gabriel davon aus, dass wir weltweit in einer tiefen Wertekrise stecken, aus der wir nur dann herauskommen, wenn es uns gelingt, in das Zeitalter einer neuen Aufklärung einzutreten, wofür die Corona-Pandemie die beste Ausgangslage bietet. Die Grundzüge dieser neuen Aufklärung, die er mit dem Begriff des „Neuen Moralischen Realismus“ bezeichnet, ergeben sich aus der doppelten Fragestellung „wer man ist und wer man sein will“, allerdings nur dann, wenn man die Wirklichkeit wahrnimmt und die Tatsachen nicht ignoriert. Eine grundlegende Tatsache der „neuen“ Aufklärung unterscheidet sich dabei nicht von der Aufklärung im kantischen Sinne: Die moralischen Werte, die es für eine ethisch verantwortungsbewusste Aufklärung braucht, sind eindeutig nicht gleichzusetzen mit den ökonomischen Werten, die in den letzten gut 30 Jahren als bedingungsloses Synonym für einen unhinterfragten Fortschrittsglauben hingenommen wurden. Auch vor diesem Hintergrund ist Philosophie für Gabriel eine Form des Widerstands durch Hinterfragung. Was Gabriel dabei vor allem immer wieder in Frage stellt, sind die vielen Widersprüche und zivilisatorischen Fehlentwicklungen, die ein rein naturwissenschaftlich-technologischer Fortschritt unter Auslassung moralischer Bewertungskriterien bis heute verschuldet hat. Gabriel macht dies unter anderem an unserem widersprüchlichen Konsumverhalten fest, an dem Klimawandel, der inzwischen zu einem Existenzrisiko geworden ist, vor allem aber immer wieder an „der digitalen Verzerrung des menschlichen Geistes“, bei der die sozialen Medien und Netzwerke sowie die Suchmaschinen und ihre Algorithmen die „Wahrheit, Tatsache, Wissen und Ethik teilweise aktiv und gezielt unterminieren“ und eine Künstliche Intelligenz als neue Gottheit gefeiert wird, ganz egal, ob sie mit Tracing-Apps bereits den digitalen Überwachungskapitalismus erprobt. „Die Weltordnung vor Corona war nicht normal, sondern letal“, lautet Gabriels Urteil. Nun liegt es an uns, einen neuen moralischen Realismus einzufordern und umzusetzen.

Gabriel, der 1980 in Remagen geboren wurde, lehrt seit 2009 Philosophie an der Universität Bonn und zählt bereits zu den wichtigsten deutschen Philosophen der Gegenwart.


Volker Lannert

Markus Gabriel