Marko Dinić

stellt seinen Roman Die guten Tage [2019] vor.

Samstag, 24. August 2019 / 13.30 Uhr / AQUA MAGICA-Park

„Ich weiß sogar noch das Datum des Tags, an dem ich angefangen habe zu schreiben. Das war am 24. März 2009. Das ist der Jahrestag des Bombardements auf Serbien 1999“, sagte Marko Dinić im Radiointerview. Die guten Tage, das waren für den Erzähler in Dinić Roman die Tage der Kindheit in der serbischen Hauptstadt Belgrad vor dem Bombardement und vielleicht auch noch eine kurze Zeit im Anschluss daran. Dann zerfällt die kindliche Naivität und gleichzeitig die ganze serbische Gesellschaft, die von ihren Führern seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens mit genügend Angst versorgt wurde, um ihre Feindbilder in Antisemitismus und ethnischem Nationalismus auszumachen und in Aggressivität und Selbsthass zu ersticken.

Der Ich-Erzähler in Dinić Debütroman hat das gleiche Alter wie der Autor. Gleich auf den ersten Seiten des Romans lässt er verlauten: „Ich wusste wenig von Kultur. Ich wurde zu einer Zeit geboren, als die Kultur sich anschickte, die Gebiete des ehemaligen Jugoslawien zu verlassen.“ Das gleiche macht dann auch der Erzähler: Er verlässt Belgrad und bricht nach Wien auf, um aus einer Existenz zu fliehen, die geprägt war – und immer noch geprägt wird – vom Hass auf eine Vätergeneration, für dessen nostalgischen Opportunismus, verlogener Ideologie und „faschistoiden Widersprüche“ er nur noch Ekel empfindet.

Die Handlung des Romans setzt ein, als der Erzähler im „Gastarbeiterexpress“, einem billigen Reisebus, aus Wien zurück nach Belgrad fährt, um an dem Begräbnis seiner geliebten und verstorbenen Großmutter teilnehmen zu können. Die eigene Zerrissenheit und die Vergangenheit lassen ihn weder auf der Busfahrt in sein ehemaliges Leben noch in Belgrad los, von dem Dinić nebenbei ein unverblümt-gegenwärtiges Stadtporträt zeichnet. Auf dem Begräbnis der Großmutter trifft er schließlich auf seine Familie. Hin und hergeworfen zwischen der unerbittlichen Wut auf den Vater und der Sehnsucht, irgendwo anzukommen, ahnt er, dass dies vielleicht niemals der Fall sein wird.

„Serbien und die Länder des ehemaligen Jugoslawien sind im Roman eine Blaupause für das übergeordnete Thema des Nationalismus und des Hasses, der durch diesen Nationalismus geschürt und geöffnet wird“, sagt Marko Dinić, der 1988 in Wien geboren wurde, seine Kindheit und Jugend aber in Belgrad verbrachte. 2008 ging er nach Salzburg und studierte dort Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte. Dinić, der auf Deutsch schreibt, lebt heute in Wien.

Ein Buch mit heißem Atem und Sogwirkung. Geschrieben in einer mitreißenden Sprache, voller frecher Sprüche, toller Bilder und derber Direktheit. Ein Debüt, das glüht und leuchtet und das uns von einem Leben erzählt, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben.
[Allfred Pfoser, Literatur und Kritik, Salzburg]


Leonhard Pill Zsolnay

Marko Dinić