Marica Bodrožić

Buch: Die Arbeit der Vögel [2022]
(Donnerstag, 25. August 2022 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.45 Uhr)

In einem Gespräch aus dem Jahr 1986 bekannte der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš, dass „die metaphysische Obsession einerseits, die historische, »dokumentarische« Rekonstruktion andererseits“, die beiden großen Linien seien, die parallel sein ganzes Werk durchziehen. Abgesehen davon, das Kiš einer der wichtigen Bezugsautoren für die 1973 im heute südkroatischen Svib geborene Marica Bodrožić ist, gilt sein Bekenntnis wohl auch für ihre Bücher. Bestimmt jedenfalls für ihr jüngstes Buch Die Arbeit der Vögel, an dem die Autorin drei Jahre geschrieben hat, vermutlich um eine Form für die Anordnung eines geradezu synästhetischen Gedankenstroms zu finden, dessen Hintergrund ein realer Anlass war:

Im Jahr 2018 machte sich Bodrožić gemeinsam mit ihrem Mann und im vierten Monat schwanger auf, jenen 18 Kilometer langen Pfad zu erwandern, den der jüdische Philosoph Walter Benjamin im September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten von Frankreich aus über die Pyrenäen bis in den spanisch-französischen Grenzort Port-Bou gegangen war. Nachdem ihm hier aber der Grenzübertritt verweigert worden ist, nahm sich Benjamin mit einer Überdosis Morphium das Leben.

Beim Schreiben des Buches verlebendigt die Autorin ein ganzes Jahrhundert des Exils und der Verfolgung und blickt mit dem „Auge hinter dem Auge“ in die Erfahrungen und Seelenzustände der Philosophen und Schriftsteller, denen sie dabei begegnet, wie u.a. Hannah Arendt, Nadeshda und Ossip Mandelstam, Karlo Stajner, Ruth Klüger, Pasolini oder Franz Rosenzweig. Ihr Schreiben ist dabei ein essayistisches Schreiben, ein reflektierendes, langsames und vor allem hinschauendes Schreiben. Die Bedeutung des Sehens mit Sprache zu fassen, scheint Bodrožić von Buch zu Buch immer wichtiger zu werden. Sie wird geradezu zu einer Stenografin des Sehens, zu einer Protokollantin des Blicks, die die immense Bedeutung der Wahrnehmung für uns in einer Zeit aufzeichnet, in der das Sehen immer mehr zum Glotzen verkommt. In diesem Sinne ist jedes Buch von Bodrožić auch eine Reparatur unserer Wahrnehmung und eine Aufforderung, gegen die Ungerechtigkeit und Hässlichkeit in der Welt wagemutig endlich wieder die Schönheit, Stille und auch die Zeit in den Augen-Blick zu nehmen, sie zu sehen und dabei keine Angst vor Erkenntnissen zu haben, sondern die Kultur des Lebens als ein ebenso spirituelles wie in der Wirklichkeit sich ereignendes Zusammenspiel von Natur, Mensch und Welt zu begreifen.

»Der Krieg vertreibt aus den Menschen das Menschliche, macht sie zu reinen Funktionsträgern […]. Marica Bodrožić hält dagegen und schreibt an ihrem Plädoyer für das Menschliche fort […]. Alles hängt mit allem zusammen. Wer dies vergessen hat und wer sich dies wieder vergegenwärtigen möchte, der findet in Die Arbeit der Vögel einen wahren literarischen Schatz.«
[Joachim Dicks, NDR Kultur]


Peter von Felbert

Marica Bodrožić