Marica Bodrožić

stellt ihr Buch Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe [2019] vor.

Sonntag, 25. August 2019 / 15.00 Uhr / AQUA MAGICA-Park

„Man bricht auf, um sich zu suchen, man kehrt zurück, um sich zu finden“, schreibt der französische Dichter Saint-Pol-Roux. Der neue Essayband von Marica Bodrožić ist auch große Literatur, denn die Leser tauchen ein in diese vier Essays über Frieden und Welt, über das Älterwerden, über Kunst, Freundschaft und Liebe und über das In-Bewegung-Sein und werden sich nach jedem Lesestück mehr gefunden haben. Das liegt daran, das Marica Bodrožić es mit ihrer geradezu zärtlichen Sprache schafft, eine mitfühlende Verbindung zwischen ihrem Schreiben, dem Leser und der Welt herzustellen. Es geht ein Staunen aus von ihrer Sprache, welches sich überträgt, ein Staunen über die Möglichkeiten, die in der Sprache verborgen liegen und aufgedeckt werden können – beim Schreiben und beim Lesen – und uns dadurch Funken von Wahrheit und Freiheit empfinden lassen und ein Stück menschlicher Unbestechlichkeit zurückschenken. Bedroht wird diese Integrität heute durch die „gusseisernen Begriffe unserer Zeit, die sich so sehr auf der Seite des Guten wähnen“, die aber nur aus Luft gebaut und inhaltsleer sind, weshalb sie schwer wie eine angekettete Freiheit auf den Gedanken und dem Denken lasten. Zu schwer, um den Empfängern dieser Begriffe neue und unerwartete Sichten auf die Welt zu gewähren. Zu schwer auch, um noch Geste sein zu können, ein Wort oder Satz, der auf sein Gegenüber zugeht und es in seinen Ausdruck und seinen beginnenden Dialog mit einbezieht. „Das entleerte Wort“, dazu gehören Begriffe wie Gleichberechtigung und Solidarität, „wird mit jeder Wiederholung nur noch leerer ins Gedächtnis eingepflanzt, bis es gänzlich im Einzelnen in die Lüge kippt“, schreibt Bodrožić.

Die Hässlichkeit, die in der Leere der gusseisernen Begriffe deutlich wird, lässt sich nicht mehr verdecken. Um ihr zu entgehen, muss man die Begriffe erneut mit Inhalt füllen, was nur gelingt, wenn dieser Inhalt auf Aufrichtigkeit und Wahrheit gebaut ist. Nur dadurch kann die Hässlichkeit zurück in Schönheit verwandelt werden, eine Schönheit, die die Sprache wieder ergreift und ins Gespräch der Menschen zurückkehrt. Eine Schönheit, die aufgrund ihrer körperlichen und sinnlichen Sprache als Literatur wieder Verbindung zum Leben und zur Welt herstellt, die durch ethische Integrität geprägt wird und dem freien und bis zum Ungehorsam mutigen Menschen seine Sprache und Empfindungen zurückgibt: Das ist die poetische Vernunft.

Marica Bodrožić, 1973 im heutigen Kroatien geboren, kam 1983 nach Deutschland. Für ihr schriftstellerisches Werk erhielt sie 2015 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Freiheit des Wortes ist der Weg, der uns zu größerer Aufrichtigkeit drängt und ins Gleichgewicht bringt, in jenen Zustand der Schönheit, der uns von der Kommodität des Bürokratischen befreit und zu einer unverwechselbaren Stimme verhilft
[Marica Bodrožić in ihrer Dankesrede zum Konrad-Adenauer-Literaturpreis]


Felbert

Marica Bodrožić