Luiz Ruffato

Bücher u.a.: Sonntage ohne Gott [2021], Das Buch der Unmöglichkeiten [2019]
Gesprächsübersetzung: Sarita Brandt / Deutsche Lesung: Thomas Streipert
(Das Tischgespräch I: Samstag, 27. August 2022 / Beginn: 17.00 Uhr)

Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases, im Hinterland des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais, geboren. Er stammt aus einer sehr armen Familie und ist heute einer der wichtigsten Schriftsteller Brasiliens, dessen Bücher bereits zu den Klassikern der brasilianischen Literatur gehören. Unter den wenigen Leserinnen und Lesern, die das größte Land Südamerikas aufzuweisen hat, gilt Ruffato jedenfalls als Starautor. Seit 2012 erscheinen seine Bücher in der Übersetzung von Michael Kegler auch in Deutschland, in dem unabhängigen Verlag Assoziation A. Im vergangenen Jahr wurde hier der letzte Band seines fünfteiligen Opus magnum, dem Romanprojekt „Vorläufige Hölle“ veröffentlicht, mit dem Titel Sonntage ohne Gott. In atemloser Syntax, oftmals in einer Aneinanderreihung von Erzählungen und kurzen Romanen, beschreibt Ruffato hier wie in allen fünf Bänden die Geschichte der Arbeiter und armen Leute. Seine Protagonisten kommen durchweg aus der brasilianischen Unterschicht, bilden aber sinnbildlich die komplexe Trostlosigkeit der brasilianischen Gesellschaft ab. „Ruffato beobachtet und beschreibt sie mit der Stimme seiner Protagonisten. Er ist ein genauer, fast paranoider Chronist, dessen Sympathie überwältigend ist“, sagt sein deutscher Übersetzer Michael Kegler über ihn.

Nicht nur Sympathie schlug Luiz Ruffato allerdings entgegen, nachdem er 2013 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengastland Brasilien die Eröffnungsrede gehalten hatte. Es war eine historische Rede, in der Ruffato mit klaren Worten die Situation in seinem von Machtmissbrauch, Korruption, Arbeitslosigkeit, Migration, Kriminalität und Armut geprägten Land beschrieb, und in der er sich gleich zu Beginn kämpferisch seine Aufgabe als Schriftsteller zuwies:

„Was bedeutet es, Schriftsteller zu sein in einem Land in der Peripherie der Welt, einem Ort, wo der Begriff Raubtierkapitalismus ganz bestimmt keine Metapher ist? Für mich ist Schreiben Verpflichtung. Man kann sich der Tatsache nicht entziehen, dass man am Beginn des 21. Jahrhunderts lebt, auf Portugiesisch schreibt und auf einem Territorium lebt, das Brasilien genannt wird. Es wird viel von Globalisierung geredet, doch die Grenzen sind offen für Handelswaren, für Menschen nicht. Unsere Einzigartigkeit zu erklären ist eine Form des Widerstands gegen den autoritären Versuch, Unterschiede zu nivellieren.“

Die fünf Bände von Ruffatos „Vorläufiger Hölle“ lassen sich auch seismografisch als Ankündigung lesen, wie sehr sich soziale Ungleichheit, Gewalt und Machismo in Brasilien unter der rechtsextremen Präsidentschaft Bolsonaros noch weiter ausgeprägt haben. Dennoch will der Autor seine Hoffnung auf eine Veränderung nicht aufgeben. Ohne seine eigene Herkunft zu verleugnen, baut er dabei auf die Möglichkeiten, die Literatur den Menschen anbieten kann:

„Ich glaube, vielleicht naiv, daran, dass Literatur etwas verändern kann. Als Kind einer Analphabetin und Waschfrau, eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, selbst Popcornverkäufer, Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher, Inhaber einer Imbissbude, wurde mein Leben verändert durch den, wenn auch zufälligen Kontakt mit Büchern. Und wenn das Lesen eines Buchs den Weg eines Menschen verändern kann, und wenn die Gesellschaft aus Menschen besteht, kann Literatur eine Gesellschaft verändern. In unserer Zeit des übersteigerten Narzissmus und des extrem ausgelebten Individualismus wird derjenige, der uns fremd ist und deswegen in uns die Faszination des gegenseitigen Erkennens auslösen sollte, mehr denn je als Bedrohung gesehen. Wir kehren dem Nächsten den Rücken zu, sei er Einwanderer, Arm, der Schwarz, Indigen, Frau, Homosexuell, in dem Versuch, uns selbst zu bewahren, und vergessen dabei, dass wir damit unsere eigene Existenz in Gefahr bringen. Wir verfallen der Einsamkeit und dem Egoismus und verleugnen uns vor uns selbst. Um dem entgegenzuwirken, schreibe ich: Ich will den Leser berühren, ihn verändern, die Welt ändern. Das ist eine Utopie. Ich weiß. Aber ich lebe von Utopien. Weil ich denke, dass die letzte Bestimmung jedes Menschen nur eine sein sollte: Das Glück auf Erden zu erreichen. Hier und jetzt.“

 

»Denn wie sinnlich ist all das beschrieben in diesen tropischen short cuts mit ethischem Kompass, doch ohne sozialromantischen Moralismus!«

[Marko Martin, Deutschlandfunk Kultur]


Assoziation A

Luiz Ruffato