Lina Atfah im Gespräch mit Safiye Can

stellt ihren Gedichtband „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ [2019]

(Das Tischgespräch II / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 15.00 Uhr / Einlass: 14.30 Uhr)

Gesprächsübersetzung und Lesung für Lina Atfah: Osman Yousufi

Die Veranstaltung wurde von den Studierenden Nina Brennecke, Laura Säumenicht, Svenja Greifenberg und Sam Lukas Siefert von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld in enger Zusammenarbeit mit den „Poetischen Quellen“ geplant. Die Autorentexte wurden von ihnen verfasst.

Lina Atfah wurde 1989 in der syrischen Stadt Salamiyya geboren und studierte arabische Literatur in Damaskus. Mit siebzehn wurden ihr Gotteslästerung und Staatsbeleidigung vorgeworfen, woraufhin sie vom kulturellen Leben ausgeschlossen wurde. Sie äußerte weiterhin Kritik an den sozialen und politischen Zuständen in ihrer Heimat Syrien, übte Widerstand durch ihr Schreiben aus und geriet in Konflikt mit dem Assad-Regime. Nach weiteren Drohungen musste sie Syrien im Jahr 2014 verlassen und lebt seitdem in Deutschland. Ihre Fluchterfahrungen thematisiert sie durch Poesie. In ihrem Gedichtband beschreibt sie ihr zwiespältiges und gebrochenes Verhältnis zur Heimat und zu der Bedeutung, ein fremdes Land als neuen Lebensmittelpunkt zu wählen.

Ihre Gedichte ähneln einem Spaziergang am Rande des Abgrunds: Es gibt Verse, die wie Momentaufnahmen in präzisen Bildern aufgehen und die zerrissene Heimat, die Flucht und Vertreibung, die erlebte Kriminalität fokussieren. Daneben erscheinen sinnliche Gedichte, die von arabischen Mythen und Geschichten durchwuchert sind. Ihre Gedanken wirken seziert: Ein unaufhörliches Nachdenken über das, was gewesen und entstanden ist. Dabei überzeugt die Lyrik mit einer jungen und poetischen Stimme, welche in ihrem Anspielungsreichtum kaum einen Vergleich findet. Lina Atfah kann eine brutale Geschichte des Kriegs, „am Rande der Rettung“ oder eine des Exils ohne Illusionen schreiben. Zusätzlich beherrscht sie es, berauschende Liebesgeschichten zu erzählen. In ihrer Sprache werden Heimaten erschaffen, die „nicht zu eng für […] Träume“ sind. Nino Haratischwili, Atfahs Patin bei dem Projekt „weiterschreiben.jetzt“, lobt: „Lina Atfah findet Worte für die, die sie verloren haben. Sie sucht nach einer Sprache inmitten der Sprachlosigkeit.“

In ihren Gedichten schweben die Erinnerungen an eine vergangene bessere Zeit immer mit, erschaffen Illusionen des Glücks. Dies währt nur kurz: Der IS bedroht die Bevölkerung, besetzt syrische Städte und Dörfer, richtet Massaker an. Es kommt zur Vertreibung, die eine vage Erinnerung an die unbeschwerte Vergangenheit hinterlässt. In einer direkten Sprache, welche ebenso faszinierend wie erschreckend ins Auge fällt, bietet Lina Atfah einen einzigartigen und persönlichen Zugang zu den menschenfeindlichen Ereignissen in Syrien.

Lina Atfah lebt heute in Nordrhein-Westfalen, arbeitet als Lyrikerin und Schriftstellerin und schreibt als freie Autorin für DIE ZEIT. Am 13. Juli wurde bekanntgegeben, dass Lina Atfah für ihr Buch mit dem diesjährigen LiBeraturpreis auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet wird. Sie ist damit die erste Autorin, die diesen Preis für einen Gedichtband erhält.

„Da, wo der Schrecken kaum zu beschreiben ist, schafft es Lina Atfah in grandioser Weise, durch eine gezielt gewählte Metaphorik und Bildersprache das Grauen in Worte zu fassen und zu vermitteln. (…) ›Das Buch von der fehlenden Ankunft‹ ist ein herausragendes Buch, das man nur jedem ans Herz legen kann.“
[Matthias Ehlers, WDR 5]

Das Tischgespräch II wurde von den Studierenden Nina Brennecke, Laura Säumenicht, Svenja Greifenberg und Sam Lukas Siefert von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld in enger Zusammenarbeit mit den „Poetischen Quellen“ geplant. Die Autorentexte zu Lina Atfah und Safiye Can wurden von ihnen verfasst.


Osman Yusufi

Lina Atfah