Karlheinz Stierle

Buch: Dante Alighieri. Dichter im Exil, Dichter der Welt [2014]

(Das TISCHGESPRÄCH II / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 16.00 Uhr / Einlass: 15.30 Uhr)

Wenn man Karlheinz Stierles Bücher und Aufsätze zu Dante liest, kann man wirklich sagen, dass man in einem großen Meer der Sinnerklärung navigiert, welches uns mit großer Spannung an die überbordende Küste von Dantes Wissens-Insel spült, von der aus wir es kaum erwarten können, um mit Neugier in das Landesinnere seiner Göttlichen Komödie aufzubrechen. In Dantes Welt gestrandet zu sein, einer Welt im Umbruch zwischen Mittelalter und Renaissance, bedeutet einen Dichter kennenzulernen, der sich sein ganzes unruhiges Leben über auf einer unendlichen Reise zur Erleuchtung und Suche nach Vollkommenheit befand, die er letztlich in der Schönheit Beatrices, seiner unerreichbaren Kindheitsliebe, im Paradies, dem letzten Teil der Komödie, zu finden erhoffte. Der Weg dorthin beginnt für Dante in dem Augenblick als er seine politisch-gesellschaftliche Identität verliert und aus seiner Heimat Florenz verbannt wird. Es folgen zwanzig lange Jahre des Exils durch die wirkliche Welt in vielen Städten und an vielen Höfen Italiens. Hier schreibt er an seiner Komödie, die er vermutlich erst in seinem Todesjahr 1321 vollenden kann.

Unter Anleitung des römischen Dichters Vergil macht sich Dante in ihr auf den Weg durch Hölle, Läuterungsberg und Paradies auf die Suche nach einer Ordnung für sein Leben in einer übermächtig erscheinenden Welt. Als stets staunender und unermüdlich fragender Mensch führt er damit das mit einem freien Willen nach Erkenntnisdrang ausgestattete Subjekt in die Weltliteratur ein. Dabei sieht er sich in der Nachfolge Adams, der sich den Gesetzen des Paradieses widersetzte, und Odysseus, den er im 26. Gesang der Hölle die Grenzen der vorstellbaren Welt hinter Gibraltar erkunden lässt.

Karlheinz Stierle, 1936 in Stuttgart geboren, ist Professor für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft. 1988 übernahm er an der Universität Konstanz den Lehrstuhl seines Doktorvaters Hans Robert Jauß und hatte ihn bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 inne. Stierle ist u.a. Ehrenmitglied der italienischen Dante-Gesellschaft und wurde für sein Dante-Buch Das große Meer des Sinns von der Stadt Florenz mit dem Orden „Fiorino d`Oro“ ausgezeichnet.

»Dantes Hoffnung auf Ruhm und Nachruhm ist, (…), über alles Vorstellbare hinaus erfüllt worden. Erst jetzt wird der Dichter der Welt zum Bürger der Weltdichtung. Doch noch immer bleibt Dantes Stimme die Stimme eines Einsamen, der im Exil aus der Erschütterung seines Weltvertrauens die Energie für das große Werk seiner Selbstbehauptung schöpft. Indem er sich ins offene Meer einer alles Gewohnte hinter sich lassenden Dichtung hinauswagt, setzt er alles auf die Karte seines Ingeniums. Zugleich fordert er auf diese Weise das Risiko eines Verstehens heraus, das sich nicht im Wissen beruhigen kann, so unerlässlich dieses für das Verstehen ist.«
[Karlheinz Stierle, Dante Alighieri]


Iris Maria Maurer

Karlheinz Stierle