Karl-Heinz Ott

Bücher u.a.: Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens [2022]; Hölderlins Geister [2019]
(Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie / Sonntag, 28. August 2022 /
Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 10.30 Uhr)

»Es werden weltanschauliche Schlachten geschlagen wie selten zuvor, stets geht es ums Ganze. Was darf man noch sagen, wie muss man denken, wo liegen die ständig sich verschiebenden Grenzen, lauten die allgegenwärtigen Fragen. […] An allen Ecken und Enden regt sich Unmut, Zorn und Widerstand, auf völlig diverse, gegensätzliche Weise. Die einen gieren nach Ordnung und Übersichtlichkeit, die anderen wollen jenes Projekt der Moderne vollenden, das auf größtmögliche Grenzenlosigkeit zielt.«
[Karl-Heinz Ott, Verfluchte Neuzeit]

Mit seinem jüngsten Buch will Karl-Heinz Ott der Geschichte des reaktionären Denkens, so der Untertitel, auf die Spur kommen und er tut dies, indem er ein breites Panoptikum von Denkern auffährt, die mit ihren antiaufklärerischen Gedanken und Weltanschauungssystemen die Grundlagen dafür gelegt haben. Ausgehend von Martin Luther über René Descartes bis zu Carl Schmitt, Leo Strauss und Michel Foucault, um einige der bekanntesten zu nennen, diagnostiziert Ott sogar bei einer literarischen Figur wie Don Quijote reaktionäres Denken.

Was ist aber die Besonderheit der Neuzeit, die Ott von diesen reaktionären Denkern oder Figuren verfluchen lässt? Für Jürgen Habermas besteht sie in der „Zäsur der Trennung von Glauben und Wissen“: Dem Menschen geht hierbei das normative Maß für das Gerechte und Gute verloren, wie es ihm die transzendent-übersinnliche Ordnung einer Religion geboten oder abverlangt hatte. Das Subjekt wird auf sich selbst zurückgeworfen zur Selbstbestimmung geradezu genötigt und zum eigenverantwortlichen Handeln in einem Universum gezwungen, in dem es keine Gewissenberuhigung mehr durch eine göttliche Orientierung gibt. Es ist vor allem die Orientierungslosigkeit und Führerlosigkeit der Moderne, die von reaktionären Denkerinnen und Denkern scharf kritisiert wird. Dabei hängen sie einer zeit- und geschichtslosen Wahrheit an, die einzig ein soll und schüren unter ihren Anhängern Ängste vor der Zersplitterung einer Gesellschaft, die zu viel Pluralität zulässt, vor Vielfalt, insbesondere kultureller Vielfalt, vor dem Verlust des Glaubens und des Mythos, kurzum vor der Zerstörung der menschlichen Subjektivität durch eine fortschreitende wissenschaftlich-rationale Effektivität.

Das Wohlwollen des Schriftstellers, Essayisten und Übersetzers Karl-Heinz Ott, der 1957 in Ehingen bei Ulm geboren wurde, richtet sich dabei unverhohlen auf die Denkströmungen, die trotz ihrer Kritik an den Defiziten der Aufklärung, nicht in einen reaktionären Duktus verfallen, denn „die rechten Theorien richten sich nicht nur gegen die »Voltaires«, sondern gegen die gesamte Neuzeit.“ Wie sehr eine ideologische Verblendung und strikte Glaubenssätze gedankentötend sein können, zeigte Ott zuletzt in seinem Buch Hölderlins Geister.

 


Peter Andreas Hassiepen

Karl-Heinz Ott