Joseph Vogl

Bücher u.a.: Kapital und Ressentiment [2021]; Das Gespenst des Kapitals [2010]

(Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 10.30 Uhr)

»… neben einer Auflösung von Solidarmilieus in den gegenwärtigen Marktgesellschaften haben die ökonomischen Dynamiken und Geschäftsmodelle des Informationskapitalismus damit spezifische Bedingungen oder Architekturen geschaffen, in denen mit dem strukturellen Populismus das Ressentiment zu einem integralen Bestandteil kapitalistischer Affektökonomie geworden ist.« [Joseph Vogl in Kapital und Ressentiment]

Roger Willemsen bezeichnete Joseph Vogl einmal als „den klügsten Menschen, den ich kenne.“ Auch wenn dieser Satz vor dem Hintergrund einer tiefen Freundschaft gefallen ist, ist man nach dem Lesen von Vogls neuestem Buch gern gewillt, dem Satz zuzustimmen. Messerscharf analysiert Vogl hier, wie die Verbindung von Digitalität und Kapitalismus in Vorspiegelung einer anderen Realität unseren inhumansten Affekten erneut eine Plattform bietet.

„Es steht vielmehr die Produktion des Wirklichen selbst auf dem Spiel: Der Kapitalismus ist ontologisch verwurzelt und schickt sich an, die Struktur elementarer Seinsbeziehungen zu prägen“, schreibt er. Was das gesellschaftlich bedeutet, hat zuletzt die Corona-Pandemie offenbart. Wenn wir dies nicht zulassen wollen, müssen wir endlich beginnen, die derzeitige Form des kapitalistischen Wirtschaftssystems infrage zu stellen, welches dank der in alle öffentlichen wir privaten Räume eindringenden totalitären Informationstechnologien bereits jetzt unser ganzes Leben in eine Ware mit Geschäftsmodellcharakter verwandelt hat. Vor allem müssen wir uns endlich der Hybris entziehen, Digitalisierung als Allheilmittel unserer menschlichen Unzulänglichkeiten zu betrachten und ihre jetzige Ausprägung auf alle Bereiche menschlichen Umgangs miteinander gründlich hinterfragen. Spätestens wenn wir anfangen von einem „kapitalistischen Realismus“ oder von einem digitalen Realismus zu sprechen haben wir den Prozess der humanistischen Aufklärung samt unserer demokratischen Ideale, deren Fundament immer noch die Würde des Menschen darstellt, aus Bequemlichkeit und Trägheit ebenso wie aus Gewinnsucht und Machtstreben, an der Tür von Börsenmärkten und zum Silicon Valley abgegeben und somit Adornos Diktum vom falschen Leben im richtigen freiwillig eingelöst. Dann hat sich nach Vogl die Verwandlung von Welt in Information und Ereignis vollzogen und alle Fragen zur Begründung unseres Lebens haben aufgehört, die Metaphysik des Menschlichen wurde endgültig der Statistik unterworfen.

Joseph Vogl, geboren 1957 im niederbayerischen Eggenfelden, ist Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bereits in seinem Buch Souveränitätseffekt von 2015 untersucht Vogl die These, nach der wir nicht in Demokratien, sondern fortschreitend in oligarchischen Systemen eines globalen, informationskapitalistischen Geschäftsmodells leben an deren Spitze ein Bündnis aus politischen und ökonomischen Eliten steht.


Institut für deutsche Literatur, Humboldt Universität

Joseph Vogl