Jörg Magenau

(Donnerstag, 26. August 2021 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr)

Bücher: Die kanadische Nacht [2021] und Bestseller [2018]

Der Literaturkritiker Jörg Magenau versucht in seinen Buchbesprechungen stets, „beides miteinander zu verbinden: das Buch als ein Gegenüber zu betrachten, das sich objektiv beschreiben lässt, und dabei doch ein Leser zu bleiben, der in seine Lektüre eintaucht und dabei vor allem etwas über sich selbst erfährt.“ So beschreibt er sich in seinem Buch Bestseller, das man auch als eine literarische Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik seit 1945 lesen kann, die, so Magenau selbst, von nichts anderem handelt als davon, „wie Bücher die Welt verändern“. Bücher verändern aber nicht nur die Welt, sondern auch das Leben von Menschen, sei es das der Leserinnen und Leser, sei es das der Figuren, über die erzählt wird. So klingt es fast wie eine Selbstanklage des Ich-Erzählers in Magenaus erstem Roman Die kanadische Nacht, wenn er ihn den Gedanken äußern lässt, dass „es immer ein Gewaltakt ist, Menschen in Figuren, ihr Leben in Text und ihre Liebe in etwas so Fragwürdiges wie eine Erzählung zu verwandeln. Wer über jemanden schreibt, nimmt ihm etwas weg, nicht zuletzt seine Wahrheit.“ Magenau muss es wissen, denn er ist auch der Autor von Biographien über Christa Wolf, Martin Walser oder die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger. Es gilt jedoch einen Unterschied zu machen zwischen der sachlichen Annäherung an eine Person in einer Biographie und Literatur, die schon für sich immer eine „verwandelte Wirklichkeit“ darstellt.

Dies gilt auch für seinen Roman, in dem der Erzähler in einem Leihwagen durch die kanadische Landschaft fährt, um nach vierzig Jahren seinen sterbenden Vater ein letztes Mal wieder zu sehen. Auf der Fahrt rekapituliert er nicht nur das Leben seiner Eltern, sondern auch sein eigenes, denn wie der Kritiker und Vielleser Jörg Magenau will auch sein Erzähler dadurch „lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wir wollen verstehen. Und wir wollen entführt und abgelenkt werden, um über uns und den eigenen Horizont hinauszugelangen.“

Jörg Magenau, 1961 in Ludwigsburg geboren, studierte an der Freien Universität von Berlin Philosophie und Germanistik. Er gehörte zu den Mitbegründern der Wochenzeitung der Freitag, deren Literaturteil er bis 1996 betreute. Dafür erhielt er 1995 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Als freier Autor schreibt er Buchrezensionen für Zeitungen und bespricht Bücher im Rundfunk. Daneben wirkt er als Mitglied in zahlreichen Literaturpreisjurys mit und ist als Moderator literarischer Veranstaltungen tätig.

»Ein schmales, noch nicht einmal 200 Seiten starkes Buch, das zeigt, wie wertvoll es sein kann, wenn ein Autor seine Lektüren und sein Nachdenken über Literatur produktiv umwandelt (…). Kein Leben, das ist die Quintessenz dieses so kurzen wie außergewöhnlichen Romans, lässt sich wertungsfrei darstellen. Objektivität ist Selbsttäuschung.«
[Christoph Schröder, DIE ZEIT]


Olaf Kühl

Jörg Magenau