Jaroslav Rudiš

stellt seinen Roman Winterbergs letzte Reise [2019] vor.

Samstag, 24. August 2019 / 14.30 Uhr / AQUA MAGICA-Park

„…, die Eisenbahner sind die einzigen wahren Europäer, die Eisenbahner und die Eisenbahnmenschen“, heißt es im letzten Viertel von Winterbergs letzte Reise, dem jüngsten Roman des tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Dort angekommen, weiß der Leser, was gemeint ist, denn in den gut 400 Seiten davor wurde er auf eine turbulente Eisenbahnreise quer durch Mitteleuropa und seine Geschichte mitgenommen, die nach wie vor auch die Gegenwart dieser wunderschönen mitteleuropäischen Landschaft ausmacht, einer Landschaft aus Schlachtfeldern, Friedhöfen und Ruinen, wie es immer wieder im Buch heißt.

„Heutzutage hören wir überall in Europa – in Tschechien, Polen, Ungarn, auch in Deutschland: Wir müssen zu unserer eigenen Geschichte zurückkehren, uns nur um uns, nicht um die anderen kümmern. Aber wenn man über die Geschichte von Mitteleuropa nachdenkt, kann man sie nur als Ganzes ansehen. Man kann das nicht trennen“, sagt Rudiš in einem Interview.

Die Trennung von der Geschichte gelingt auch Wenzel Winterberg nicht, diesem 99jährigen Greis, der im Sterben zu liegen scheint aber plötzlich in den Händen des Altenpflegers Jan Kraus wieder ins Leben zurückkehrt und diesen darum bittet, ihn auf seine letzte Reise zu begleiten. Die Reise zieht sich dann durch den ganzen eindrucksvollen, von melancholisch-humorvollen Geschichten und von tragischer Geschichte gesättigten Roman. Es geht „Von Königgrätz nach Sadowa“, „Von Budweis nach Winterberg“, Von Wien nach Brünn“, „Von Zagreb nach Sarajevo“ – und die Fahrt geht viele Kapitelüberschriften so weiter. Die Reiseroute gibt der Baedecker von Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913 vor, aus dem Winterberg seinem Sterbebegleiter seitenlang bis zur Erschöpfung vorliest. Schnitzel und Bier sind dabei die Hauptnahrungsmittel, die vorzugsweise in Bahnhofsrestaurants eingenommen werden. Für Winterberg ist die Reise die Suche nach seiner jüdischen Jugendliebe Lenka Morgenstern, die aus der Tschechoslowakei vor den Nazis floh und deren letztes Lebenszeichen aus Sarajevo stammte. Für Kraus wird die Reise zu einer Suche nach sich selbst.

Jaroslav Rudiš, 1972 in der tschechischen Stadt Turnov geboren, wollte selbst Eisenbahner werden. Eine Sehschwäche verhinderte dies, also studierte er Deutsch und Geschichte in Liberec, Zürich und Berlin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Musiker. 2018 wurde er mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.

Winterbergs letzte Reise ist ein großer europäischer Roman. Wie ein Pilzgeflecht wuchert die jahrhundertealte, von Kriegen bestimmte Geschichte im Boden dieses Kontinents. (…) Aber Rudiš bleibt der böhmische Reisende seiner früheren Romane und findet dabei wieder einen sehr eigenen Ton. Es geht auch ums Biertrinken, um die Liebe, um Melancholie, um Musik und um Trottel, deren Leben allemal einen literarischen Blick verdienen. Was für ein Lesevergnügen!
[Joachim Dicks, NDR Kultur]


Peter von Felbert

Jaroslav Rudiš