Jan Philipp Reemtsma

Bücher u.a.: Ein paar Goldkörner oder Was ist Aufklärung [2022; hrsg. mit Hans-Peter Nowitzki]; Helden und andere Probleme. Essays [2020]; Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit [20132]
(Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie / Sonntag, 28. August 2022 /
Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 10.30 Uhr)

»Totale Wirklichkeit entsteht nämlich auch dort, wo man vor lauter Vergnügen und vergnügtem Lärm nicht mehr ein noch aus weiß, dort, wo eine Gesellschaft aus freien Stücken die Bereiche, in denen Beobachtungen zweiter, dritter, n-ter Ordnung stattfinden, langweilig findet, wo sie beginnt, Unmanierlichkeiten wie Unmittelbarkeit, Authentizität und Identität zu schätzen.«
[Jan Philipp Reemtsma, Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit]

Das Buch, aus dem das obige Zitat von Jan Philipp Reemtsma stammt, trägt den Untertitel Sechs Reden über Literatur und Kunst und stammt aus dem Jahr 2005. Reemtsma ist Philologe und er schaut auf die Welt und unsere Gesellschaft immer auch aus einem Blickwinkel der Literatur, die er vermutlich zu Erklärung von gesellschaftlichen Phänomenen wie Vertrauen und Gewalt, so der Titel seines umfassenden Buches über zwei grundkonstituierende menschliche Eigenschaften der Moderne, den Sozialwissenschaften und auch der Philosophie vorzieht.

Geboren 1952 in Bonn, erbt Reemtsma als Nachfahre eines Zigarettenfabrikanten ein großes Vermögen, was er nicht nur dafür nutzt, um den für ihn wichtigen Dichter Arno Schmidt finanziell großzügig zu unterstützen, sondern auch zur Gründung des Hamburger Instituts für Sozialforschung im Jahr 1984, dem zehn Jahre später, 1994, noch die Hamburger Edition als ein Verlag zur Seite gestellt wird, dessen Ambition es ist, mit sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen im aufklärerischen Sinne öffentliche Debatten auszulösen, zumindest aber an ihnen teilzunehmen. Reemtsma sowie das Hamburger Institut wurde einer großen Öffentlichkeit vor allem durch die kontrovers diskutierte Wehrmachtausstellung bekannt, die von 1995 bis 1999 und in überarbeiteter Form von 2001 bis 2004 in zahlreichen deutschen Städten zeigte, wie sehr die Wehrmacht an dem nationalsozialistischen Terror beteiligt war.

Axel Honneth, ehemaliger Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, bescheinigt den Veröffentlichungen Reemtsmas, dass man in ihnen „der Geburt eines moralischen Ethos aus dem Geist der Illusionslosigkeit beiwohnen“ könne. Tatsächlich dreht sich bei Reemtsma immer wieder alles um die Frage, ob und wie es möglich ist, dass man bei allen grausamen Geschehnissen im 20. Jahrhundert auch im 21. Jahrhundert an den ethischen und zivilisatorischen Standards der Moderne festhalten kann. Dabei spielt der Verweis auf literarische Traditionen und die der Literatur innewohnenden Kraft zur Ausbildung eines symbolisierungsfähigen Denkens eine wichtige Rolle, mithilfe dessen es gelinge, auch gesellschaftliche Wirklichkeiten genauer wahrzunehmen. Auch deshalb ist Reemtsma Mitherausgeber zahlreicher Werkausgaben Christoph Martin Wielands (1733 – 1813).


Daniel Reinhardt

Jan Philipp Reemtsma