Donnerstag, 23.08.2018 / 19.30 Uhr / Eintritt: 10,00 €
Ort: Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Die Eröffnung / Das Autorenporträt I:
Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: Das große Herz der Literatur oder Die Formulierbarkeit des Lebens

Mit: Ingo Schulze und Christina Viragh / Sprecher: Rolf Becker


(c) Gaby Gerster

Ingo Schulze

Bücher u.a.: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst [2017]; Noch eine Geschichte in: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier [2009]

„Ja, die Bücher von Kertész sind so wichtig, das mir selbst euphorische Rezensionen als ungenügend erscheinen. (…) Jedes Buch ist eine Probebohrung, um sozusagen das Unsagbare in Sagbares zu verwandeln, um Differenzierungen zu treffen, die nur Literatur treffen kann und die eben auch nur durch eine Selbstreflexion des Mediums Schreiben zu erreichen sind“, sagte Ingo Schulze 2010 auf die Frage, was Imre Kertész ihm bedeute. Anlässlich einer Tagung im April, die unter dem Titel „Holocaust als Kultur“ zu dem vor zwei Jahren verstorbenen Imre Kertész an der Berliner Akademie der Künste stattfand, wiederholte Schulze seine hohe Achtung gegenüber dem Werk des Literaturnobelpreisträgers und sagte im Deutschlandfunk: „Er ist zwei Jahre tot, aber ich denke, dass es jetzt an der Zeit ist, noch mal vehement auf ihn hinzuweisen. Ich glaube, dass wir ihn brauchen.“ Kennen gelernt hat Ingo Schulze Kertész im Mai 1995 auf eine eher unbeabsichtigte Weise. Seitdem kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen beiden Schriftstellern und zu einer intensiven Auseinandersetzung Schulzes mit dem Werk von Kertész, die sich in der Frage niederschlug, wie das Leben die Literatur nachahmt und umgekehrt. Eine einschneidende und grundlegende Antwort darauf hat Schulze in den Romanen Roman eines Schicksallosen und Liquidation von Kertész gefunden. Das Aufspüren einer eigenen Antwort hat Schulze in seiner Erzählung Noch eine Geschichte geschildert, in der er seinen namenlosen Erzähler eine Zugfahrt von Budapest nach Wien beschreiben lässt, wie es zuvor sowohl Imre Kertész in der Erzählung Protokoll als auch Péter Esterházy in der Erzählung Leben und Literatur getan haben. Schulze beschreibt Kertész darin als einen „Gegen-Michael-Kohlhaas, der nicht seine Wahrheit sucht“, da ihn seine Wahrheit längst gefunden habe.
Ingo Schulze, der im vergangenen Jahr seinen jüngsten Roman Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst beim Internationalen Literaturfest vorstellte, ist nun zum fünften Mal Gast der „Poetischen Quellen“. Er wurde 1962 in Dresden geboren. Nach dem Studium der Klassischen Philologie in Jena, arbeitete er in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt er in Berlin. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Er ist u.a. Mitglied in der Akademie der Künste in Berlin und in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

„Immer, wenn man Kertész liest, spürt man, dass er eigentlich auf die Schönheit setzt. (…) vielleicht zeigt sich darin dieses große Herz. Man wird nie bedrückt. Also man liest alles und auch das Erschütterndste (…), aber es macht einen trotzdem frei.“
[Ingo Schulze im Deutschlandfunk, April 2018]