Ingo Schulze

(„Das Literarische Quartett“, Donnerstag, 27. August 2020 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 19.00 Uhr)

Man kann sich kaum einen besseren Teilnehmer beim Literarischen Quartett als den Schriftsteller Ingo Schulze vorstellen, der von sich sagt: „Über Literatur spreche ich lieber aus der Sicht des Lesers. Denn als Leser kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich Literatur brauche, weil sie mich mit meinen Erfahrungen nicht allein lässt, weil sie diese an Menschheitserfahrungen misst.“

Dabei hat der 1962 in Dresden geborene Schulze erst spät angefangen, selbst zu lesen. Aufgewachsen bei seiner alleinerziehenden Mutter, hat er sich bis zum 13. Lebensjahr lieber Geschichten erzählen und vorlesen lassen. „Ich war ein ziemlich fauler Strick, mir war es zu anstrengend, selbst zu lesen. Als ich damit begann, war es eine große Entdeckung: dass man sich nicht mehr langweilen muss.“ Der Umgang mit Büchern und Literatur führte dazu, dass er in Jena Latein und Altgriechisch, „dazu ein bisschen Germanistik und Kunstgeschichte“ studiert und anschließend in Altenburg Dramaturg am dortigen Theater wird. Die Wende von 1989/90 ist auch für Schulze eine. Er verlässt das Theater und gründet mit Freunden eine Zeitung. Als Journalist will er mit Geschichten von anderen Menschen die Demokratisierung begleiten. Um die Tageszeitung finanziell zu stützen, kommt ein Anzeigenblatt dazu, das nach kurzer Zeit alleine übrigbleibt. Im Hinterkopf taucht immer wieder der Gedanke auf, Schriftsteller zu werden. Als ihm ein Geschäftsmann jedoch ein Angebot macht, in St. Petersburg ein kostenloses Anzeigenblatt zu gründen, nimmt er an und geht Anfang 1993 nach Russland. In der Hoffnung, irgendwann selbst zu schreiben, beginnt er hier, schriftstellerische Alltagsskizzen seiner Wahrnehmungen zu Papier zu bringen. Im Juli 1993 kehrt er nach Deutschland zurück und zieht nach Berlin. Hier entsteht aus den Petersburger Skizzen sein erstes Buch: 1995 erscheinen die 33 Augenblicke des Glücks. Seitdem arbeitet Ingo Schulze als freier Schriftsteller, dessen Bücher vielfach ausgezeichnet und in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden sind, der sein Wort aber immer auch wieder gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen einsetzt:

„Mein Problem ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens unter der Lawine einer selbstverschuldeten Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Begriffe wie Freiheit und Demokratie zunehmend zum Popanz macht.“

„Literatur ist nicht dafür gemacht, etwas zu erklären, aber sie darf und sollte für eine gesellschaftliche Selbstverständigung genutzt werden. Denn das Bild, das wir uns von unserer Zeit, von unserem Ort machen, hat Einfluss auf das, was wir wollen, was wir tun. In diesem Sinn halte ich diejenige Literatur für die wirksamste, die unsere Welt am differenziertesten beschreibt.“
[Ingo Schulze, Leipziger Poetikvorlesung 2007/2008]

 

Ingo Schulze

stellt seinen neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ [2020] vor

(„Die Autorenbegegnung“ mit Dževad Karahasan / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 18.00 Uhr / Einlass: 17.30 Uhr)

„Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ Mit diesem Satz, der sofort eine fast märchenhafte Stimmung für den Schauplatz des Geschehens und für den Held des Romans erzeugt, die dabei dennoch alles offen lässt, beginnt der neue Roman von Ingo Schulze und man fühlt sich nicht ohne Grund an den ersten Satz von Joseph Roths Erzählung Der Leviathan erinnert. Auch Schulzes Die rechtschaffenen Mörder liest sich im weiteren Verlauf als eine Parabel, in der der integre und rechtschaffene Antiquar Nobert Paulini durch die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Wende 1989/90 für die Menschen in der ehemaligen DDR mit sich bringt, in Versuchung gerät, seine Werte und Ideale zu verraten und dieser Versuchung womöglich nachgibt.

Erzählt wird der Roman in drei Teilen: Im umfassendsten ersten Teil wird die Lebensgeschichte Paulinis beschrieben. Mit Büchern aufgewachsen, eröffnet er ein eigenes Antiquariat und erwirbt sich rasch eine sagenhafte Aura als kenntnisreicher Büchermensch. Das Antiquariat wird zum Treffpunkt für dissidentische Geister, die sich bald regelmäßig zu einem Gesprächszirkel treffen. Mit der Wende 1989 verliert Paulini nicht nur seine Frau, die sich als Stasi-Spitzel enthüllt, nicht nur sein Antiquariat, das an den Altbesitzer aus dem Westen fällt, sondern auch sein Leben, das vor allem durch den Verlust von Wertschätzung entzaubert wird. Bücher sind nichts mehr wert, landen auf Müllkippen und Paulini beginnt, mit rechtem Gedankengut zu sympathisieren. Im zweiten Teil wechselt die Erzählperspektive. Nun ist es der Schriftsteller Schultze, der über seine Begegnungen mit Paulini reflektiert und ein Buch über ihn schreiben will. Im dritten, kürzesten Teil, ist es schließlich die Lektorin des Schriftstellers Schultze, die sich mit dessen Gedanken über Paulini beschäftigt und auf sein Manuskript wartet.

Die Bezüge der drei Teile zueinander eröffnen dem Leser unterschiedliche Blickwinkel auf ein Leben und eine Zeit und machen deutlich, dass man widerstehen muss, einfache Entwicklungen nur aus der Gegenwart zu beurteilen, weil sie immer Fragen an die Vergangenheit stellen. „… mich als Autor hinzusetzen und zu denken, ich rette die Welt, das wäre lächerlich“, sagt Ingo Schulze. Mit seiner Literatur schafft er es, immer wieder auf die Uneindeutigkeit des Lebens und die Wichtigkeit des Zweifelns hinzuweisen. Das ist große Literatur, die jede Art von Vorverurteilung ablehnt.

„Der virtuoseste Zug dieses an der Oberfläche geradezu widerstandslos leicht lesbaren Romans besteht jedoch vielleicht darin, dass Ingo Schulze die Autorität seines eigenen Schreibens unterminiert.“
[Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel]


Gaby Gerster

Ingo Schulze