Donnerstag, 23.08.2018 / 19.30 Uhr / Eintritt: 10,00 €
Ort: Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Die Eröffnung / Das Autorenporträt I:
Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: Das große Herz der Literatur oder Die Formulierbarkeit des Lebens

Mit: Ingo Schulze und Christina Viragh / Sprecher: Rolf Becker


(c) Isolde Ohlbaum

Veranstaltung zu:
Imre Kertész

„Hat man es mit Imre Kertész live zu tun, wird man Zeuge so manchen Heiterkeitsausbruchs und eines Lachens, das herzhaft, clownesk, jungenhaft und verwundert wirkt. Entwaffnend auch, fegt dieses Lachen doch kurzerhand falsche Rücksichtnahmen und allerlei Steifheiten hinweg. Es signalisiert Offenheit und schafft eine Atmosphäre zwangloser Kommunikation, zu deren Tugenden es gehört, das man sich selbst nicht allzu wichtig nimmt. Im großzügigen Lachen von Imre Kertész schwingt Selbstdistanz mit, genauer das Wissen um die Relativität von allem und jedem. Darum hat dieses Lachen etwas Befreiendes.“
[Ilma Rakusa über Imre Kertész, in: du – Zeitschrift für Kultur, Nr.5 / Juni 2005]

Nicht nur im Lachen von Imre Kertész liegt etwas Befreiendes, man gewinnt dieses Gefühl auch, wenn man seine Bücher liest. Wer war dieser ungarische Schriftsteller, der im Jahr 2002 den Literaturnobelpreis „für ein schriftstellerisches Werk [erhielt], das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“?

Imre Kertész wurde 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, in Budapest geboren, in einer nicht religiösen, kleinbürgerlichen jüdischen Familie. 1940 wurde er in eine jüdische Klasse an einem der Budapester Gymnasien eingeschrieben und 1944 nach Auschwitz deportiert, von hier aus nach Buchenwald und weiter in das Konzentrationslager von Rehmsdorf bei Zeitz. Nach der Befreiung des Lagers kehrte er im Juli 1945 nach Ungarn zurück, beendete seine Schulausbildung und arbeitete anschließend als Journalist bei einer Tageszeitung. Als diese zum offiziellen Organ der kommunistischen Partei erklärt wurde, musste er seinen Posten aufgeben und arbeitete vorübergehend als Fabrikarbeiter, bevor er 1951 zum Militär einberufen wurde. Nach der Entlassung 1953 beschloss er, als freier Schriftsteller zu leben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem Schreiben von Musikkomödien und Theaterstücken. Ende der 50er Jahre fand er das Thema zu seinem Roman eines Schicksallosen, an dem er 13 Jahre arbeitete und der zunächst abgelehnt wurde, bevor er 1975 erscheinen konnte. In dieser Zeit begann Kertész auch, aus dem Deutschen zu übersetzen und übertrug u.a. Werke von Nietzsche, Schnitzler, Freud, Canetti und Wittgenstein. Erst nach der zweiten Auflage seines Hauptwerkes, des Romans eines Schicksallosen erfuhr er selbst als Schriftsteller Beachtung, die sich in der Übersetzung in zahlreiche andere Sprachen niederschlug und ihren Höhepunkt eben in der Zuerkennung des Literaturnobelpreises 2002 fand. Imre Kertész starb am 31. März 2016.

Das befreiende Gefühl beim Lesen seiner Bücher ist eine Wirkung auf die unerhörte Leichtigkeit, mit der es Kertész schafft, seinen Protagonisten eine Schicksallosigkeit ertragen zu lassen, die ihnen von den historischen Tatsachen aufgezwungen wird, die sie als bereitwillige Mitschreiber dieser Geschichte gleichzeitig auch mit verursachen.

Gerade die naiv erscheinende, bewusst eingesetzte Illusionslosigkeit des jugendlichen Erzählers im Roman eines Schicksallosen ermöglicht es Kertész, die kaum fassbaren Erlebnisse, die Menschen einander zufügen – hier sind es die Erlebnisse des Konzentrationslagers –, in einer Weise zu schildern, die die Wahrheit des Erlebten mit der tatsächlich erlebten Wirklichkeit auf einer literarischen Ebene von noch dazu grandioser sprachlicher Schönheit und Genauigkeit zusammen bringt, ohne den Leser durch einen moralischen Betroffenheitszwang manipulieren zu wollen.

Kertész selbst hat die Erfahrung der Schicksallosigkeit in zwei gesellschaftlichen Ideologiesystemen durchleben müssen. Aufgrund der radikalen Illusionslosigkeit, mit der er auf diese beiden totalitären Systeme eine Antwort findet, dreht er mit einem Lächeln sein Schicksal um und gewinnt es mithilfe seines Schreibens zurück. Aus der Unfreiheit und der Unkultur der gegen ihn gerichteten Ideologien schafft er eine neue Freiheit und einen neuen Wert, der sich in der Sagbarkeit und Erzählbarkeit des wahrhaft Erlebten ausdrückt: In der Bezeugung dessen, was geschehen ist. In seinen Tagebüchern findet sich 1995 die ungeheuerliche Feststellung: „Letztlich muss ich dankbar sein, Auschwitz gesehen und erlebt zu haben.“ Aus dieser Haltung entwickelt er den Begriff vom „Holocaust als Kultur“. Ausschwitz steht dabei für ihn als Ausdruck des genuin Menschlichen schlechthin und nicht als Synonym für das Böse, welches dem Menschen erlauben würde, sich seiner individuellen Verantwortung zu entziehen.

„Der Holocaust“, schreibt Kertész, „ist ein Wert, weil er über unermeßliches Leid zu unermeßlichem Wissen geführt hat und damit eine unermeßliche moralische Reserve birgt.“ Diese moralische Reserve ist für ihn die ethische Herausforderung, die sich der Mensch, wenn er ein Leben als freies, selbstbestimmtes Individuum führen will, für alle Zeiten stellen muss. Konkrete geistige wie persönliche Freiheit kann der Mensch aber nur dann erreichen, wenn er sich der „Nazi-Mentalität“ entzieht, womit Kertész eine Lebens- und Gesellschaftsform meint, die in dem Menschen ausschließlich ein funktionales Objekt erkennt. Es ist eine Welt der Technokraten, die „den Menschen in ein Ersatzstück [verwandelt], das (der) mit dem eigenen Dasein nichts mehr zu tun hat und in die Statistik einzieht, in den Datenfriedhof.“

„Sie [die Geschichte] setzt das ganze Instrumentarium falscher und verfälschender Moralität, jede Erfindung der totalen Technik zu konformierender Gehirnwäsche ein. Es ist so leicht unser von apokalyptischen Ereignissen wimmelndes Zeitalter zur verurteilen und zu verwerfen – um so schwieriger ist es, mit ihm zu leben, ja, mit einem tapferen Anlauf unseres Geistes es anzunehmen und davon zu sagen: Es ist unser Zeitalter, in ihm spiegelt sich unser Leben. Und ich habe das Gefühl, der Augenblick, die Gegenwart (…), fordert von uns genau diese Wahl.“
[Imre Kertész aus Meine Rede über das Jahrhundert, 1995]