Ilma Rakusa

Buch: Mein Alphabet [2019]

Samstag, 24. August 2019 / 18.00 Uhr / Das Tischgespräch I / AQUA MAGICA-Park

In den vergangenen Tagen bin ich morgens mit dem neuen Buch Mein Alphabet von Ilma Rakusa aufgewacht. Der Titel des Buches spiegelt den Inhalt, in dem die Schriftstellerin zu jedem Buchstaben des Alphabets in einem Wechsel zwischen Prosa, selbstgeführten Gesprächen und Gedichten von einzelnen Erlebnissen und Erfahrungen ihres reichen Lebens erzählt. Die Überschriften dieser persönlichen Geschichten voller Leben und Welt tragen vielsagende Titel wie „Angst“, „Einsamkeit“, „Freundschaft“, „Granatapfel“, „Ich ist viele“, „Love after love“, „Meer“, „Palatschinken, Pasta“, „Träume“, „Umweg“, „Wolken“ bis hin zu „Zärtlichkeit“ und dazwischen liegen viele mehr. Ich las diese Geschichten morgens und fühlte mich allein durchs Lesen mit Freude erfüllt, bekam Lust zu Flanieren, Lust zum Schreiben, Lust, Freunde zu treffen, war beschwingt und gut gelaunt und dies auch deshalb, weil ich genau wusste, woher das kam.

In einem literarischen Selbstgespräch schrieb Ilma Rakusa: „Mich interessiert eigentlich fast alles im Leben.“ Es ist diese beim Lesen spürbar ehrliche und aufrichtige Anteilnahme Rakusas gegenüber den kleinsten Dingen des Lebens – Momente der Stille, der Ruhe, der Langsamkeit – sowie ihre Gabe der genauen Wahrnehmung und Beschreibung, womit sie es schafft, ihr bejahendes Interesse am Leben auch auf ihre Leser zu übertragen. Damit nicht genug. In seinem Buch Sechs Vorschläge für das nächste Jahrhundert benennt Italo Calvino die Qualitäten, die einzig die Literatur in der Lage ist, bereitzustellen, um zukunftsweisend dem Lärm der Zeit auch im 21. Jahrhundert standzuhalten: Es sind dies Leichtigkeit, Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit, genau jene Qualitäten, die das Schreiben Ilma Rakusas ausmachen, bei der jedoch zusätzlich eine Musikalität und Schönheit in der Sprache dazukommen. „Ich sehe meine Rolle, und die ist wirklich bescheiden (…), auf meine Art auf die Welt zu schauen und nicht Aggressivität, Unzufriedenheit und Hass zu schüren, sondern zu sensibilisieren für das, was ist, genau zu sein und auch mal dem Guten, Schönen und Wahren eine Hommage zu bereiten“, schreibt sie über ihre Arbeit.

Geboren 1946 als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin in Rimavská Sobota (Slowakei), verbrachte Rakusa ihre frühe Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 übersiedelte sie mit den Eltern in die Schweiz. Bis heute lebt sie in Zürich, wo sie als Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Publizistin und Übersetzerin arbeitet.

Einen Text, einen Raum mit Ilma Rakusa zu teilen, garantiert einem Schönheit und, was noch viel wichtiger ist, eine Verbindung zwischen Teilen, die sonst auseinanderfallen würden, und das, obwohl bzw. weil ihr Schreiben mit der Auslassung und der Verknappung arbeitet. Sie nimmt dich bei der Hand und führt dich hindurch.
[Terézia Mora, Neue Zürcher Zeitung]


Giorgio von Arb

Ilma Rakusa