Hussein Bin Hamza

stellt seinen Gedichtband „Ich spreche von Blau, nicht vom Meer“ [2020] vor.

(Der Lyrik-Abend, Freitag, 28. August 2020 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 19.00 Uhr)

Die letzten vier Verszeilen in Hussein Bin Hamzas Gedicht mit dem Titel Verlorene Gedichte lauten: „Viele Gedichte habe ich geschrieben / und sie hätten mich zu einem großen Dichter gemacht / wären sie nicht alle verlorengegangen / Alle außer diesem hier.“ Verloren gegangen sind Bin Hamza seine Gedichte, weil ihm die Sprache verloren gegangen ist, das Arabische. Nach seiner Flucht aus Beirut kommt er 2017 in Deutschland an, wo er, der in der arabischen Welt zu den bedeutendsten poetischen Stimmen seiner Generation zählt, kein Werk mehr vorfindet, auf das er sich im Austausch mit den Leserinnen und Lesern hätte berufen können, weil arabische Literatur, vor allem arabische Dichtung, hierzulande oft mit Desinteresse behandelt und nur von Wenigen wahrgenommen wird.

Hussein Bin Hamza, 1963 in Al-Hasaka, einer Stadt im Nordosten Syriens, geboren, entstammt einer frommen kurdischen Familie und ist mit Büchern aufgewachsen: „Über allem stand das Gebot der Ehrfurcht vor den Wörtern“, beschreibt er seine Kindheit und Jugend. An der Universität von Aleppo studierte er Wirtschaft, zog dann aber 1995 nach Beirut um, wo er als Redakteur und Kritiker für die wichtigsten libanesischen Zeitungen arbeitete und Artikel und Essays über Lyrik, Prosa, Theater und Kunst sowie mehr als vierzig Porträts der bedeutendsten arabischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller veröffentlichte. 2014 gründete er die wöchentlich erscheinende Literaturbeilage „Kalimat“ (Wörter), deren Redaktionsleiter er bis 2016 war. Seit 2017 lebt er mit seiner Familie in Hannover.

Nach einer längeren Schreibkrise hat sich Bin Hamza hier schließlich als Dichter wiederentdeckt und mit seinem Buch Ich spreche von Blau, nicht vom Meer den Grundstein für ein neues Werk gelegt. Zusammen mit seinem deutschen Verlag, der Edition Converso, wurde er dafür mit dem Chamisso Publikationspreis 2019 ausgezeichnet. In dem Band finden sich ausschließlich Gedichte, die in der Fremde entstanden sind. Es sind Gedichte über das Exil, die Einsamkeit, die Orientierungslosigkeit in einer fremden Kultur, aber auch über die Liebe und immer wieder über die Sprache selbst. Mit ihren Verkürzungen, ihren stimmigen Bildern, ihrem feinsinnigen Humor und einem melancholischen Unterton eröffnen diese Gedichte Räume, die die Grenzen zwischen den Kulturen spielend aufheben und dabei nicht nur die Sinne für das Leben der Exilanten schärfen, sondern den Leserinnen und Lesern selbst einen Spiegel vorhalten. Sprache ist dabei der Widerstand des Dichters gegen das Nicht-Verstanden-Werden in der Fremde.

„Seine Texte sind wichtig für ein deutsches Publikum, das gerne über Geflüchtete spricht, aber eher selten mit ihnen. (…) Nun ist er hier. Und wir sollten ihm zuhören.“
[Gerrit Wustmann auf Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt]


Hussein Bin Hamza