Hélia Correia

stellt ihren Gedichtband Das dritte Elend [2021] vor.
Gesprächsübersetzung: Michael Kegler / Lesung der deutschen Texte: Sylvia Wempner

(LYRIK-ABEND: In Zusammenarbeit mit der Ev. Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt /
Freitag, 27. August 2021 / Ort: Auferstehungskirche in der Innenstadt von Bad Oeynhausen /
Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr)

„Ich fühle mich als Europäerin, weil ich das Gedächtnis habe, das mich tröstet, weil hier die menschliche Würde ihren Anfang hatte, weil es hier die Griechen gab mit ihrem Kult des Schönen und des Gerechten. Und ich fühle mich als Europäerin, weil ich wie alle Europäer gefährdet bin. Die Gefahr intensiviert die Identität“, sagte Hélia Correia vor drei Jahren auf einem europäischen Autorengipfel. Wie sehr sie inzwischen mit Europa hadert, merkt man ihren beiden vor kurzem erschienenen Büchern an: Der wie ein Langgedicht anmutenden Erzählung Tänzer im Taumel und vor allem ihrem Gedichtband Das dritte Elend. Letzterer erschien in Portugal bereits 2012, vier Jahre nach der globalen Finanzkrise, in der sich die Staatskrise Griechenlands schon abzeichnete. Es ist zunächst Hölderlin, an den die lyrische Stimme die Frage stellt: „Wo ist es, / Dein schönes Athen, welches unter den / Menschen Gerechtigkeit kommen sah / Und das freie Wort …“. Athen, die Polis und die Agora dienen Correia als allerdings untergegangene Sinnbilder für eine einstmals vorhandene humanistisch-demokratische Ethik, für die es nicht länger einen Maßstab gibt: „Wir Atheisten, wir Monotheisten, / Wir, die wir Schönheit erniedrigen / zu niederen Tätigkeiten, wir armen / Herausgeputzten, wir armen Bequemen, …“ Ein Grund für ihren Untergang ist die überhebliche Selbstvergessenheit der eigenen Geschichte, denn wir sind „unfähig, uns zu erinnern“ und legen keinen Wert mehr auf die Vergangenheit. Immer zorniger erhebt die Dichterin ihre Stimme und fragt sich, wo die Idee Griechenlands geblieben sei, diese für Europa grundlegende Idee, die ein Denken zuließ, das sich ungezwungen und offen nach allen Seiten bewegen konnte und so dem Menschen mit großer Zuversicht eine Idee von seinen Möglichkeiten und seiner Freiheit schenkte.

Hélia Correia wurde 1949 in Lissabon geboren. Ihr Vater arbeitete im Widerstand gegen die Salazar-Diktatur und wurde inhaftiert, als sie noch sehr jung war. Nach dem Studium der Romanistik und Dramaturgie arbeitete sie zunächst als Portugiesischlehrerin. Seit den 1980er Jahren wurde sie in Portugal durch ihre literarische Arbeit bekannt. 2015 wurde sie als eine der bedeutendsten Gegenwartsschriftstellerinnen Portugals mit dem wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt, dem Premio Camões, ausgezeichnet. Für ihr Poem Das dritte Elend erhielt sie den Premio Litarário Casino da Póvoa. Als Schriftstellerin lebt Correia heute in Lissabon.

»Hätte die portugiesische Dichterin Hélia Correia diesen Gedichtzyklus fünf Jahre später geschrieben, wäre er wohl noch bitterer ausgefallen. Noch enttäuschter darüber, was wir aus der stolzen Idee der griechischen Polis gemacht haben. Oder haben machen lassen. Denn das Märkte, Banken und Insolvenzverwalter darüber bestimmen, wie mit Völkern und Menschen umgegangen wird, ist mehr als eine Verirrung, sondern ein Elend.«
[Ralf Julke, Leipziger Zeitung]


Graça Sarsfield

Hèlia Correia