Sonntag, 26.08.2018 / 16.30 Uhr / Eintritt: 8,00 € (Nachmittagskarte!)
Ort: Naturbühne od. Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Das Tischgespräch II:
Vom Verschwinden der Dinge

Hans Maarten van den Brink im Gespräch mit Arno Camenisch


(c) privat

Hans Maarten van den Brink

Aktueller Roman: Ein Leben nach Maß [2018]

„Außer Sichtweite war man frei in jenen Tagen
vor Einführung des Mobiltelefons.“
[H.M. van den Brink aus Ein Leben nach Maß]

„Eine Geschichte beginnt bei mir immer mit einem Bild und etwas Abstraktem, einer Idee. Als Kind habe ich oft im Laden gestanden, gewartet, bis wir bedient wurden, und dann fasziniert die Waage beobachtet, auf der die Bestellungen abgewogen wurden, das Spiel mit den Gewichten und dem Zeiger, bis man den Preis festlegen konnte“, sagt H. M. van den Brink im Gespräch mit seinem Verlag. Ein Leben nach Maß lautet der Titel seines neuen Romans, in dem er die Geschichte zweier Eichbeamter erzählt. Im niederländischen Original trägt das Buch den Titel Dijk und verweist damit auf den Namen der Hauptfigur, Karl Dijk, ein mustergültiger Beamter in der niederländischen Eichbehörde. Dieser Dijk erscheint dem Ich-Erzähler des Romans nach seiner Pensionierung in wiederkehrenden Träumen. Ab 1961 sind sie Arbeitskollegen in der Eichbehörde, teilen sich ein Büro und fahren zum Einstellen und Überprüfen der Waagen und Gewichte bei den Kaufleuten durch die Niederlande. Dabei bekommen sie nicht nur mit, wie sich der Raum im Laufe der Zeit wandelt: Der Supermarkt mit seinen abgepackten Waren tritt an die Stelle der Lebensmittelhändler, das Schnurtelefon wird durch das Handy ersetzt, selbst die Eichbehörde zieht aus dem staatlichen Gebäude aus und wird nach und nach privatisiert. Umgekehrt spüren Dijk und der Ich-Erzähler auch, wie sich die Zeit in ihrem Arbeits- und Lebensraum wandelt: Anstatt des Prüfens und Überprüfens und der Aufrechterhaltung der Ordnung lautet das neue Ethos des Eichinstituts nach der Privatisierung: „Aufsicht bringt kein Geld. Aufsicht hemmt das Wachstum der Unternehmen.“ Spätestens hier merkt der aufmerksame Leser, dass sich mit dem vermeintlich ökonomischen Fortschritt die Seele des arbeitenden Menschen verändert, der nun selbst mit Vokabeln wie Effizienz und Optimierung bemessen wird und von dem opportunistische Anpassung erwartet wird. Der undurchsichtige Dijk verweigert sich diesem Treiben und zwischen den Zeilen denkt man an Herman Melvilles Bartleby der Schreiber, der sich mit dem Satz „Ich möchte lieber nicht“ dagegen wehrt, seine Seele zu verkaufen und seine Haltung aufzugeben.
Hans Maarten van den Brink, 1956 im niederländischen Oegstgeest geboren, arbeitete als Journalist und Auslandskorrespondent in Spanien und den USA, bevor er als Schriftsteller mit dem Roman Über das Wasser einen internationalen Erfolg hatte. Er lebt heute in Berlin.

„Keine straff gespannten Handlungsstränge sind zu erwarten, sondern ein überaus feines Gewebe aus verschiedenfarbigen Fäden, für dessen Betrachtung man sich Zeit nehmen sollte. Lässt man sich in Ruhe darauf ein, wird es zum Wunderwerk, das in einem weiterwirkt und unvergesslich wird.“ [Irmtraud Gutschke, Neues Deutschland]