Gregor Dotzauer

(„Das Literarische Quartett“, Donnerstag, 27. August 2020 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 19.00 Uhr)

„Der Schluss aller Literatur ist Aufschluss“ schrieb der Literaturwissenschaftler Peter von Matt in seinem Essay Über die eigentümliche Wahrheit der Literatur. Der Schluss aller Literaturkritik liegt für Gregor Dotzauer vor allem in der Verbindung von Kritik und Krise zum Nutzen der Gesellschaft: „Krise und Kritik, verrät die Etymologie, sind miteinander verschwistert“, sagte Dotzauer in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises im Jahr 2009. „Die Fähigkeit des »krinein«, des Unterscheidens, Erkennens, Urteilens und Meinens gilt seit den Stoikern als Voraussetzung der »krisis«, jenes vom irrationalen Fühlen gereinigten affektiven Zustands, der moralischen Fortschritt erst ermöglicht.“ Trotz ihres Nischendaseins sei die Literaturkritik „ein Indikator dafür, wie eine Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Nirgendwo sonst beschäftigt sich das Wort, das allen multimedialen Fluten zum Trotz unserer Kultur zugrunde liegt, so intim mit dem Wort und die Schrift mit der Schrift“ so Dotzauer. Aus diesen Gründen sei es fatal, wenn die komplexe Literaturkritik immer schneller aus dem öffentlichen Diskurs verschwinde, ja selbst von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten bis hin zu den großen, überregionalen Tageszeitungen aus ihren Programmen sowohl weiter vereinheitlicht als auch immer mehr verkürzt werde. Denn eine literaturkritische Öffentlichkeit, die mit 140 Zeichen für eine Buchbesprechung auskommen muss, kann keinen Aufschluss mehr erbringen, außer vielleicht über die zunehmende Degeneration einer Gesellschaft.

Gregor Dotzauer, der 1962 in Bayreuth geboren wurde, studierte Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft in Würzburg und Frankfurt am Main. Seit Mitte der achtziger Jahre schrieb er zunächst er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die ZEIT, dann auch für die Süddeutsche Zeitung über Literatur und Film. Lehraufträge zur Literaturkritik führten ihn an die Humboldt-Universität zu Berlin und an die Bundesakademie für kulturelle Bildung nach Wolfenbüttel. Seit 1999 ist er Literaturredakteur des Berliner „Tagesspiegel“. 2004 war er Critic-in-Residence-Stipendiat an der Washington University in St. Louis, Missouri. 2009 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Dotzauer, der auch Autor zahlreicher essayistischer und literaturwissenschaftlicher Texte ist, war gehörte zuletzt von 2017 bis 2019 der Jury des Leipziger Buchpreises an.

„Seine Arbeiten bestechen durch komplex entwickelte Argumentation. Dieser Autor strengt seine Leser auf beglückende Weise an.“
[Aus der Jurybegründung zur Vergabe des Alfred-Kerr-Preises an Gregor Dotzauer 2009]


Marie Amrei

Gregor Dotzauer