Géraldine Schwarz

Buch: Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin [2018]

Sonntag, 25. August 2019 / 11.30 Uhr / AQUA MAGICA-Park

Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie: „Wie halten wir es mit Europa? – Über die Zukunft einer offenen Gesellschaft zwischen solidarischem Miteinander und ethnischem Nationalismus“

Schwer zu bezwingen sind die Manipulatoren der Erinnerung, die Verfälscher der Geschichte, die Konstrukteure falscher Identitäten, die Schürer von Hass und die Züchter nazistischer Fantasien. (…) Ich will verstehen, was war, um zu wissen, was ist, Europa seine Wurzeln zurückgeben, die die Gedächtnislosen versuchen, ihm zu entreißen.“
[aus: Géraldine Schwarz, „Die Gedächtnislosen“]

In der Süddeutschen Zeitung wurde Géraldine Schwarz` Erinnerungsbuch als ein „emphatischer Appell“ gefeiert, der sich in „Vorahnung eines Gewitters“ gegen das Vergessen der Geschichte an eine „zusehends disparate europäische Öffentlichkeit richtet.“

Die 1974 in Straßburg als Tochter eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter geborene Schwarz sieht sich selbst als „Kind Europas“. Erinnerung ist für die deutsch-französische Journalistin, die bereits viele Jahre als Deutschlandkorrespondentin der Agence France-Presse arbeitet und in Berlin lebt, das entscheidende Wort. Ihr Buch, in dem sie die Wurzeln ihrer Familiengeschichte mit der großen Geschichte Europas im 20. Jahrhundert vermischt, entstand nach eigener Aussage vor dem Hintergrund ihrer anwachsenden Skepsis gegenüber einer europäischen Demokratie, die sich in den vergangenen Jahren immer stärker gegen die national- und rechtspopulistischen Einflüsse zur Wehr setzen musste, worunter die gemeinsame Solidarität extrem gelitten hat.

„Wir erleben gerade einen Perspektivbruch, auch aufgrund des Generationenwechsels“, sagte Schwarz dem SPIEGEL. „Wir befinden uns jetzt in der Ära des Post-Antifaschismus. Der Antifaschismus, der Europa seit der Nachkriegszeit prägt, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Für jüngere Generationen rücken der Krieg und der Holocaust immer weiter in die Ferne. Man kann sich nicht vorstellen, dass es sich wiederholen könnte, und so lässt die Wachsamkeit nach. Wenn es aber keine Erinnerung gibt, entsteht ein Vakuum, das mit jeglichen Mythen gefüllt werden kann.“ So gelangt sie zu dem Schluss, dass die Demokratie ohne Erinnerung zutiefst gefährdet sei, weil die scheinheiligen Agitatoren der AfD und die Salvinis, Le Pens und Orbáns Europas genau in diesen luftleeren Raum hineinkriechen, die Ängste von Menschen schüren, Flüchtlinge und Migranten zu Sündenböcken stempeln und mit diesen Mitteln wieder eine vermeintliche Volksgemeinschaft suggerieren wollen. Erinnerung ist dabei ihre Sache nicht, denn Erinnerung fördere kritisches Denken und den Sinn dafür, individuelle Verantwortung für ein Gemeinwohl mitzutragen. Deshalb besteht die Identität Europas für Schwarz auch vor allem in der Erinnerung, zwei Totalitarismen besiegt zu haben: den faschistischen und den kommunistischen.


Mathias Bothor

Géraldine Schwarz