Franziska Meier

Buch: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie [2021]

(Das TISCHGESPRÄCH II / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 16.00 Uhr / Einlass: 15.30 Uhr)

Bücher, die als Klassiker zur Weltliteratur gezählt werden, schrecken oft davor ab, tatsächlich gelesen zu werden, zumal wenn zusätzlich eine schulische Interpretationspflicht auf ihnen lastet. In dieser Reihe taucht Dantes Göttliche Komödie neben Goethes Faust, Cervantes Don Quijote oder dem Werk Skakespeares auf. Trotz geringer Leserzahlen sind die Inhalte dieser Werke aufgrund ihrer Rezeptionsgeschichte dennoch vielen Menschen bekannt und Zitate aus ihnen weitverbreitet, so dass die Werke im kollektiven kulturellen Gedächtnis Europas als verankert gelten. Gerade bei Dante lässt sich hervorragend beobachten, wie sehr er und seine Komödie inzwischen auch zu einer Ikone der Popkultur geworden sind.

In ihrem Buch Besuch in der Hölle stellt Franziska Meier, Professorin für Romanische Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Göttingen, die Frage, weshalb die Göttliche Komödie als ein „Jahrtausendbuch“ beschrieben werden kann und unternimmt dazu eine so kurzweilige wie anschauliche Reise in die fast 700jährige Rezeptionsgeschichte der Komödie, die mit Blick auf China und Indien weit über Europa hinausgeht. Sie konzentriert sich dabei auf den meistrezipierten Teil der in Hölle, Läuterungsberg und Paradies unterteilten Komödie: Auf die Hölle, in der Dante die einzelnen Qualen der in sie verbannten Sünder derart wort- und bildmächtig erzählt, dass auch die Bibel demgegenüber als vage erscheint. Wegen dieser eindringlichen Schilderungen verdankt sich die Komödie einer anhaltenden Prominenz, die in weltbekannten Zeichnungen von Botticelli, William Blake oder Gustave Doré gleichermaßen Ausdruck gefunden hat wie in literarischen Referenzen u.a. bei James Joyce, Thomas Mann, Jorge Luis Borges oder auch Dan Brown, dessen Verfilmungen mit Tom Hanks zu Kinohits wurden. Auch Computerspiele oder japanische Mangas greifen die Hölle gerne als Thema auf. Das alles geschieht vor dem Hintergrund weltweiter Übersetzungen. Alleine in Deutschland lassen sich über 50 verschiedene zählen. Einen weiteren Grund für die ungeheure Rezeption der Komödie sieht Meier darin, dass Dante sie in der italienischen Volkssprache verfasst hat und nicht in dem damals üblichen Latein. So fand Dantes Buch vor allem nach Erfindung des Buchdrucks auch in der einfachen Bevölkerung eine schnelle Verbreitung und schuf überdies die Grundlage des heutigen gebräuchlichen Italienisch.

»Der Exilant Dante, der in der Dichtung sein Schicksal und seine Sicht der Welt so mächtig in Verse fasste, dass auch seine erbittertsten Gegner an diesem Werk nicht vorbeikamen, bot ihnen allen im 20. und 21. Jahrhundert eine Reibungsfläche und Vorlage, um sich ins Verhältnis zu dem von Europa, vom Westen noch immer dominierten Zentrum zu setzen. Kurz, die Göttliche Komödie ist sowohl Ikone Europas als auch Modell all derer, die sich ausgeschlossen fühlen.«
[Franziska Meier, Besuch in der Hölle]


Adrienne Lochte

Franziska Meier