Frank Witzel

(„Das Literarische Quartett“, Donnerstag, 27. August 2020 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 19.00 Uhr)

Frank Witzel, geboren 1955 in Wiesbaden, wuchs als Kind der Nachkriegsgeneration in beschaulichen, bürgerlich-konservativen Verhältnissen auf. Der Vater war Organist und auch Witzel selbst spielt Orgel. In der Kindheit lernte er Klavier, Cello und klassische Gitarre und schloss nach der Schule eine musikalische Ausbildung am Wiesbadener Konservatorium ab. An den Wochenenden entzog er sich der Langeweile der Wiesbadener Kurstadtatmosphäre, in dem er das Landesmuseum besuchte. Die expressionistischen Gemälde Alexey von Jawlenskys faszinierten ihn und er begann selbst zu malen und grafisch zu gestalten. Zusammen mit einem Freund begeisterte er sich für den Surrealismus. Kunst war für ihn in jener Zeit die Möglichkeit, Protest zu formulieren: „Denn darum ging es, um die Auflösung unserer spröden kleinbürgerlichen Realität. Und das konnte nur die Kunst“, schreibt er.

Irgendwann kamen die Musik und die Popkultur dazu, die den politischen Widerstand junger Leute in den 1960er und 1970er Jahren nicht nur begleitete, sondern auch antrieb. In dieser Zeit begann Witzel auch zu schreiben. 1975 veröffentlichte er erste Gedichte in Literaturzeitschriften. Sein erster Roman erschien 1978.

Ein breiteres Lesepublikum wurde jedoch erst 2015 auf den Schriftsteller Frank Witzel aufmerksam. In jenem Jahr erhielt er für seinen 800-Seiten-Roman Die Erfindung der Roten Armee-Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 den Deutschen Buchpreis. Die Jury lobte das Buch als eine „Mischung aus Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik“, die „einzigartig in der deutschsprachigen Literatur“ sei, ein „genialisches Sprachkunstwerk“ und „ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. In dieser durchaus auch autobiographischen Zeitreise durch die Bundesrepublik der 1970er Jahre, in der die Entscheidung zwischen „Derrick“ und „Derrida“ von richtungsweisender, existentieller Bedeutung war, stellte sich für den Protagonisten wie für den Autor irgendwann die Frage, ob man sich für ein Mitläufertum oder für den Widerstand in einer vom öffentlichen Fernsehen sedierten bildungsbürgerlichen Wohlstandsgesellschaft entschied, der ein Historikerstreit ja erst noch bevorstand. Witzels Widerstand wurde die Literatur, die es mit einer gehörigen Portion Selbstironie immer noch ist. Er lebt in Offenbach und arbeitet als Schriftsteller, Illustrator und Radiomoderator.

„Natürlich funktioniert Erinnerung. Wir müssen nur sehen, dass jede Erinnerung subjektiv und vor allem selektiv ist, und gerade deshalb müssen wir immer wieder nachfragen. Und manchmal lassen sich diese Fragen eben erst im Nachhinein stellen. Fragen lösen immer eine Bewegung, manchmal sogar Unruhe aus.“
[Frank Witzle in Der Spiegel, 2017]

 

Frank Witzel

stellt seinen Roman „Inniger Schiffbruch“ [2020] vor.

(„Die Mittagslesung“, Samstag, 29. August 2020 / Beginn: 13.00 Uhr / Einlass: 12.30 Uhr)

Auch in Frank Witzels neuem Buch, dem Roman Inniger Schiffbruch, ist der Wahn wieder da. Erneut der Wahn in Form einer Erinnerung, diesmal an die Bundesrepublik in den 1960er Jahren, deren Psychopathologie der Erzähler Frank Witzel auf 360 Seiten in Form einer Textzusammensetzung aus autobiographischen Erinnerungsfragmenten, Reflexionen, Träumen und Albträumen, Geschichten, eingestreuten essayistischen Sprengseln bis hin zu Anekdoten nachspürt. Ausgangspunkt dieser Spurensuche ist der Tod des Vaters und die Beschäftigung des Erzählers mit seinem Nachlass. Dabei führt der Erzähler Frank Witzel ein Doppelleben in diesem Roman genannten Buch:

In dem einen beschreibt er, wie er den Stürmen der 1960er Jahre konkret ausgesetzt ist. Hier trägt die Mutter eine Kittelschürze, im Fernsehen läuft der Internationale Frühschoppen und Reklame von Bärenmarke, mittags gibt es Pfanniklöße, bei schlechtem Benehmen wird mit Internat gedroht und natürlich kommt auch die aufgebaute Eisenbahnlandschaft von Märklin vor, oder war es Fleischmann. In dem anderen, abstrakten Leben steht der Erzähler neben sich und sieht von außen oder von oben auf seine Erinnerung, geht auf Distanz zu den wahrgenommenen Geschehnissen des Lebens, des eignen und der Menschen um ihn herum.

Sowohl die konkreten wie die abstrakten Erinnerungen stützen sich jedoch auf handfeste Archivarien aus der Zeit: Der Erzähler/Autor kämpft sich durch die hinterlassenen Tagebücher seines Vaters, sichtet Dias und Super-8-Filme, schaut sich stundenlang alte TV-Sendungen aus der Zeit an. Mit dem Ergebnis seiner Suche nach einer vermuteten Wahrheit in einem von einer vorgeschrieben Nachkriegsordnung umzäunten Leben macht es sich der Erzähler nicht leicht: „Es war eine Form der Wahrheit, die mich nicht ›frei machte‹, sondern im Gegenteil die ohnehin schon vorhandene Skepsis mir selbst und meinem Leben gegenüber noch vergrößerte.“

Auch wenn das Lesen dieses Buches manchmal einige Mühe bereitet, wird man immer wieder belohnt mit vielen klugen wie wichtigen Fragestellungen, die Witzel durch seinen Erzähler an uns weitergibt. Sie fordern uns nicht zuletzt durch ihren unentwegten Zweifel am Wahrheitsgehalt der eigenen Erinnerungen dazu auf, dass wir uns mit der Vergangenheit immer wieder aufs Neue auseinandersetzen müssen, weil diese Beschäftigung immerhin zu einer wichtigen Einsicht führen kann: „Jetzt verstand ich, dass der Versuch, das Leben als Pflicht zu begreifen, ein Hilfsmittel war, um sich nicht immer wieder aufs Neue mit quälenden Fragen auseinandersetzen zu müssen, Fragen nach dem Eigenen, das man sich nicht zu verwirklichen traute, …“

„Neben Ironie und Sprachgewalt ist es vor allem das fortwährende In-Frage-Stellen, das Witzels Werk so faszinierend macht. In Verzweiflung schlägt der Zweifel nie um.“
[Ulrich Rüdenauer, Philosophie Magazin]

 


Maja Bechert

Frank Witzel