Fabien Vitali

Bücher: [als Herausgeber und Übersetzer): Pasolini-Bachmann. Gespräche 1963 – 1975 [2022],
„Fabien Kunz-Vitali zu Pier Paolo Pasolini – Vom Verschwinden der Glühwürmchen“ [2015]
(Das Tischgespräch Ii: Sonntag, 28. August 2022 / Beginn: 16.30 Uhr /)

„Pasolini weigert sich nie, am Katzentisch zu sitzen, dem Staunen seines Gegenübers Aufmerksamkeit zu schenken. Keine von Bachmanns manchmal elementaren Fragen oder unfertigen Gedankengängen stoßen auf Antipathie. Es scheint sogar, als erkenne er darin eine geistige Herausforderung, oder eine Verantwortung. Dass Pasolini, ganz und gar Humanist, die Möglichkeit sprachlicher Beziehungen immer als gegeben erachtete, und deshalb Dialoge nie mied, sondern vielmehr suchte, und zwar gerade dann, wenn sie schwierig waren, ist verschiedentlich dokumentiert“, schreibt der Übersetzer und Herausgeber Fabien Vitali im Vorwort zu den erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorliegenden Gesprächen, die der 1927 in Heilbronn als Sohn jüdischer Eltern geborene Filmjournalist Gideon Bachmann zwischen 1963 und 1975 mit Pasolini führte.

Es sind keine herkömmlichen Interviews, für die Bachmann Pasolini hier aufsucht. Sie scheinen schlecht vorbereitet, irgendwie ziellos und vermitteln den Eindruck, als ob Bachmann über keine speziellen „Kenntnisse von Pasolinis Literatur oder einen entsprechenden öffentlichen Diskurs verfügt“, so Vitali. Genau an diesem Umstand und an Pasolinis „pädagogischer Geduld“ scheint es zu liegen, dass die Gespräche, bei denen die miteinander Sprechenden bald vom „Sie“ zum „Du“ wechseln, einen sehr persönlichen Charakter annehmen, bei dem immer mehr der Mensch Pasolini hinter seinem öffentlichen Auftreten zum Vorschein kommt und man merkt, dass Pasolini viel mehr am konkreten Leben anstatt an begrifflichen Genauigkeiten interessiert ist, denn „die Wirklichkeit zu fixieren“, sagt er, sei „eine typische Eigenschaft des Dichters.“

Fabien Vitali, geboren 1978 in der Schweiz, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Italienische Philologie der LMU München. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit zur Italienischen Literatur der Moderne liegt auf dem Werk des Dichters und Regisseurs Pier Paolo Pasolini, den er in verschiedenen Veröffentlichungen übersetzt hat und kritisch beleuchtet.

»Nicht die nüchtern distanzierte Perspektive des Soziologen […] liegen seiner Kulturkritik zugrunde, sondern das Empfinden eines direkt in die Katastrophe Verwickelten: die Trauer über einen unwiderruflichen sozialen Verlust, die Wut und Verzweiflung gegenüber der mangelnden, weil in Genuss- und Feierlaune erstickten, Sensibilität der Mitmenschen für die zerstörerische Wirklichkeit der Gesellschaft, in der sie leben. […]. Nicht die wie auch immer intensive Verletzung und der damit verbundene private Pessimismus, sondern die Fähigkeit, diese darzustellen, und so aus der privaten eine allgemein erfahr-, ja sag- und schreibbare Erfahrung zu machen – das ist es, was Pasolini auszeichnet.«
[Fabien Vitali, Pasolini – Bachmann. Gespräche 1963 – 1975, Vol.1; Vorwort]


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