Eugenia Senik

stellt ihren Roman Das Streichholzhaus [2022] vor.
(Lesungen und Gespräche am Nachmittag / Samstag, 27. August 2022 / Beginn: 13.30 Uhr)

Die Streichholzmetapher zieht sich durch den selbsternannten „Dokumentarroman“ von der ukrainischen Autorin Eugenia Senik: Der Gedanke, dass wir Menschen gleichzeitig allein und gebrechlich sind und trotzdem in der Gemeinschaft Halt und Stärke finden. Anna, die Protagonistin, verlässt die Ukraine und zieht in eine ganz besondere Gemeinschaft, ein Obdachlosenheim in der Westschweiz, in der die Bewohner – auch compagnons genannt – weggeworfene Gegenstände reparieren und weiterverkaufen. Dort will sie das Leben und die Menschen verstehen.

Tagtäglich konfrontiert mit der Masse an Gegenständen, die keinen Platz mehr in der Gesellschaft haben, prangert Anna die Konsumgesellschaft an: Warum werfen wir so viel weg, was noch benutzbar ist? Als ihr ein compagnon Teile einer Enzyklopädie aus dem Jahr 1733 zeigt, die eigentlich für den Müll bestimmt sind, kann sie es nicht fassen: „Diese Bücher sind 253 Jahre älter als ich. Sie haben Weltkriege überstanden, was nicht vielen Menschen gelungen ist. Wie können wir sie nur auf den Müll werfen?“ Aber an die Stelle von Enzyklopädien ist das Internet getreten, das scheinbar alle Informationen bietet und so muss Anna schweren Herzens lernen, dass sie nicht alles retten kann; auch die compagnons in der Gemeinschaft nicht.

In kurzen Kapiteln, durchzogen von den erfrischenden Zeichnungen des ukrainischen Illustrators Serhii Kostyshyn, erzählt die Autorin die Geschichten der Menschen aus dem Obdachlosenheim, ihre Vergangenheit und Wünsche für die Zukunft. Jeder hier hat eine andere, individuelle Geschichte, und doch findet sich immer wieder ein roter Faden, allen voran die systematische Unwilligkeit unserer Gesellschaft, sich mit den Menschen an ihren Rändern zu befassen.

Mut zum Unmöglichen braucht Anna, als in der Ukraine der Krieg ausbricht und sie zurückkehrt, aber ihre Heimat nicht wiederfindet. Was bedeutet es ein Zuhause zu haben und wo finde ich das Gefühl der Heimat? Auch die Autorin Eugenia Senik, mit bürgerlichem Namen Yevheniia Senikobylenko, muss sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Geboren 1986 in dem ostukrainischen Luhansk, ist sie selbst seit 2014 heimatlos: „Als ich diesen Roman 2012 angefangen habe, hatte ich noch keine Ahnung, was es wirklich bedeutet, obdachlos zu sein“, erzählt die Autorin im Regionaljournal Basel. Das Streichholzhaus, basierend auf eigenen Erfahrungen in einem Obdachlosenheim, ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Der PEN nahm ihn in die Liste der besten ukrainischen Büchern 2019 auf. Senik lebt seit 2021 in Basel und absolviert ihr Masterstudium in Literaturwissenschaften.

»Eugenia Senik vereint schlichten Stil mit komplexen Charakteren – und erzeugt bewegende erzählerische Intensität.«
[Dr. Anna Gielas, BÜCHERmagazin]


Oksana Klutschenko

Eugenia Senik