So, 26.08.2018 / Eintritt: 10,00 €

 

Zum Abschluss / Das Autorenporträt III

Die Natur der Menschlichkeit

Erri De Luca im Gespräch mit Jürgen Keimer.

Es liest Rolf Becker


(c) Paola Porrini Bisson

Erri De Luca

stellt seinen neuen Roman Den Himmel finden [2018] erstmals in Deutschland vor.
Gesprächsübersetzung: Annette Kopetzki

In einem seines Essays dachte Aris Fioretos über die „Biologie der Literatur“ nach. In den Geschichten des 1950 in Neapel geborenen Erri De Luca findet man diese in Form einer immanenten Körperlichkeit, die sich nicht nur auf den Leser überträgt, sondern stets auch den Prozess des Schreibens bei De Luca selbst begleitet haben muss. Die Verbindung des Menschen mit der Natur und natürlichen Elementen und Stoffen wie Wind, Meer, Sonne, Ton, Erde und Stein sind wiederkehrende Bildmotive, fast schon Gleichnisse in allen seinen schmalen Büchern. Den Zusammenhang mit der Welt, den wir erahnen, wenn wir durch die Natur gehen und ihre ästhetische, oft lakonische Einfachheit und dabei dennoch sinnliche Schönheit erleben, verspüren wir als Leser auf ähnliche Weise in der kargen, genauen und gerade deshalb fühlbaren Erzählweise von Erri De Luca, für die Annette Kopetzki auch in seinem jüngsten Roman Den Himmel finden die trefflichste Übersetzung gefunden hat. Ausgangspunkt für sein Buch war eine Geschichte, die De Luca beim Abendessen mit Freunden, dem Bildhauer Lois Anvidalfarei und der Dichterin Roberta Dapunt, beide Gäste der Poetischen Quellen 2016, gehört hatte.
Die Handlung ist kurz umrissen: De Lucas Hauptfigur, ein ehemaliger Minenarbeiter um die 60, gestaltet in einem Bergdorf für Sommerurlauber kleine Skulpturen aus Holz und Stein, arbeitet nebenbei als Restaurator und führt Migranten durch die Berge über die Staatsgrenze. Eines Tages erhält er den Auftrag, einer lebensgroßen, marmornen Statur des gekreuzigten Jesu den nachträglich angemeißelten steinernen Lendenschurz zu entfernen, um die ursprüngliche Nacktheit wieder herzustellen. „In dieser Geschichte enthüllt die Oberfläche des Marmors denjenigen, die sie berühren, seine Tiefgründigkeit“, sagt De Luca und bezieht diese Tiefe in seiner Geschichte auf spirituelle wie zwischenmenschliche Erfahrungen. „Erst wenn man die Oberfläche der Dinge kennengelernt hat (…), kann man sich aufmachen, um herauszufinden, was darunter sein mag. Doch die Oberfläche der Dinge ist unerschöpflich“, lautet ein Zitat aus Italo Calvinos Buch Herr Palomar und um diese Unerschöpflichkeit geht es auch Erri De Luca, der in einem Interview sagte: „Christus ist unvereinbar mit den Mächten der Welt, mit den angesammelten Reichtümern, mit den Privilegien.“
De Luca, der sich 1968 an der außerparlamentarischen Protestbewegung Lotta Continua („Ständiger Kampf“) beteiligte, als Kraftfahrer, Lagerist und Maurer arbeitete, gehört heute zu den meistgelesenen Autoren nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Frankreich und Israel.

„Das Erleben der Welt ist für ihn immer zuerst ein physischer Akt. Jedes Wort, das er schreibt, geht durch alle Schichten seines Körpers. Erst ganz zuletzt durch den Kopf.“
[Peter Kammerer über Erri De Luca, Neue Zürcher Zeitung]