Edoardo Albinati

stellt seinen Roman Die katholische Schule [2018] vor.

Freitag, 23. August 2019 / 16.00 Uhr / Bad Oeynhausen-Innenstadt am Colon-Sültemeyer-Brunnen

Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Edoardo Albinati wurde 1956 in Rom geboren. Er wuchs im Quartiere Trieste auf und besuchte das katholische Gymnasium San Leone Magno, beides wichtige Handlungsorte in seinem großen Roman Die katholische Schule, für den er 2016 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega bekam. Im Mittelpunkt des Romans steht ein Verbrechen am Monte Circeo, der sich zwischen Rom und Neapel ins Mittelmeer schiebt. Hier wurden Ende September 1975 zwei Mädchen im Alter von siebzehn und neunzehn Jahren in einer Villa von zwei jungen Männern gequält und vergewaltigt. Ein Mädchen kam dabei zu Tode. Die Täter waren ehemalige Schüler des Gymnasiums San Leone Magno, Mitschüler von Albinati, der seinen Roman als ein umfassendes Gesellschaftspanorama Italiens der 1970er Jahre anlegt, aber weit darüber hinaus in die Aktualität des heutigen Italiens hineinschreibt, das mit seinen gesellschaftlichen Problemen als Synonym für viele Länder stehen kann.

Bei der Preisvergabe des Premio Strega sagte Albinati, der nebenher seit über zwanzig Jahren Strafgefangene im römischen Gefängnis von Rebibbia unterrichtet, dass Literatur für ihn die Aufgabe der Offenlegung habe. Mehr als neun Jahre schrieb er an dem Roman: „Neun Jahre, um mich zu fragen: Wie komme ich einem Übel auf die Spur, das zu mir gehört?“ Diese Frage stellt sich der Erzähler im Buch nicht nur biographisch, sondern auch mit Blick auf eine Gesellschaft, als deren größtes Problem er die Krise der männlichen Identität betrachtet. Es ist diese Krise, die sich auf alle anderen zwischenmenschlichen Bereiche zunächst negativ auswirkt: Auf die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, auf die Entwicklung des Bürgertums – vor allem mit Blick auf die faschistische Vergangenheit Italiens –, auf die Veränderungen der Normen und Werte der Familie vor dem Hintergrund der Gleichgültigkeit und Tyrannei des Marktes, auf den Umgang mit Sexualität und auf das Dilemma einer durch die Zwänge von Technik und Konsum völlig überforderten Generation, die mittels einer verlogenen und heuchlerischen Regierung schnell wieder faschistoide Züge annehmen kann – hier reicht ein Blick auf den derzeitigen italienischen Innenminister.

Albinati spart nichts aus. Sein Roman bietet unterhaltende Porträts von Lehrern, regelrechte Novellen, Genrebilder der bürgerlichen Familie, (…), Bibelkunde, Traumsequenzen, Auszüge aus Tagebüchern, Liebesgeschichten mit saftigen Sexszenen, Aphorismen, Scheidungsdramen, Listen von Filmen und sogar Kurzkritiken literarischer Werke. Er lässt seinen Protagonisten, der den Namen und etliche Eckdaten mit dem Autor teilt, alles aufbieten, was sich erzählen lässt. Das Ergebnis ist ein manischer innerer Monolog und einer der aufregendsten Romane der vergangenen Jahre.“
[Maike Albath, DIE ZEIT]


Marco Delogu

Edoardo Albinati