Dževad Karahasan

stellt seinen neuen Erzählband „Ein Haus für die Müden“ [2019] vor

(„Die Autorenbegegnung“ mit Ingo Schulze / Sonntag, 30. August 2020 / Beginn: 18.00 Uhr / Einlass: 17.30 Uhr)

„Meine Helden genießen die Freiheit der Alten, sich nicht anpassen zu wollen, sich um die Meinung der Mitmenschen nicht wirklich kümmern zu wollen, sich auf ihren Tod freuen zu können“, sagte Dževad Karahasan über die Protagonisten, die in den fünf Geschichten seines neuen Buches auftreten. Hölderlins Frage „und wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ wird von den Helden des Buches noch existentieller gestellt, wenn sie sich beim Anblick der Welt fragen, wofür sich das Leben noch lohnt in einer Zeit und Welt, die schon längst nicht mehr die ihre ist. Mit einer melancholischen Sehnsucht vermissen sie eine untergegangene Welt, die es so aber vermutlich niemals gegeben hat, weil Erinnerung immer mehr die Einbildung als die Wirklichkeit widerspiegelt. Dennoch haben sie Freude an ihrer Traurigkeit an eine Erinnerung, die zu ihrer Welt geworden ist.

Allesamt sind die Helden dieses Buches zweifach Widerständige: Sie verachten die Zeit, in der sie leben, aber ihre innere Müdigkeit lässt es nicht zu, sich dagegen aufzulehnen – und sei es nur in Form einer „romantischen Auflehnung“ –, so dass sie letztlich in ihrer Unzufriedenheit ein Leben gegen sich selbst führen, in dem sie sich noch dazu mit ihren Söhnen, Töchtern und Freunden anlegen, da es ihnen schwerfällt, bei all ihrer verwirrten Leidenschaft wahre Gefühle zu zeigen und es ihnen auch nicht gelingt, dass Offensichtliche klar auszudrücken.

Ganz nebenbei durchstreift der große europäische Erzähler Karahasan mit seinen fünf Erzählungen auch das ganze letzte Jahrhundert der bosnischen Geschichte, das sich, wie die Helden des Buches, nach Ordnung und Überschaubarkeit sehnte, dabei aber nur zu oft in Unordnung und zerstörerische Hass zerfiel.

„Das Lesen hingegen befreit den Menschen von der Gebundenheit an sein Jetzt, …, [es] öffnet ihm die Tiefen der historischen Zeit“, schreibt Karahasan, der 1953 in Duvno im heutigen Bosnien-Herzegowina geboren wurde. Obwohl muslimischen Glaubens, besuchte er eine Franziskanerschule und wurde in den klassischen Sprachen, Philosophie und Theologie unterwiesen. Anschließend studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften in Sarajevo. 1993 floh er gemeinsam mit seiner Frau aus der belagerten und umkämpften Stadt. Er lebt in Sarajevo und in Graz.

Am 28. August bekommt Dževad Karahasan den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main verliehen. Ingo Schulze hält die Laudatio auf ihn. Was für ein Glück und eine wahre Freude, die zwei befreundeten Schriftsteller gemeinsam zum Abschluss der Poetischen Quellen 2020 bei uns einmal mehr begrüßen zu können!

„Karahasan wagt es hier, nicht nur der Müdigkeit und Randständigkeit, sondern auch der Weltfremdheit, Langsamkeit und Verlorenheit das Wort zu reden. (…) immer scheint das Universale durch das Individuelle.“
[Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung]


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