Freitag, 24. August 2018 / 19.30 Uhr / Eintritt: 10,00 Euro
Ort: Auferstehungskirche am Kurpark, 32545 Bad Oeynhausen

Der Lyrik-Abend / Die Autorenbegegnung II
Gedichte für das Diesseits der Welt

Durs Grünbein begegnet Yitzhak Laor
Gesprächsübersetzung: Anne Birkenhauer / Deutsche Lesung: Thomas Streipert


(c) Tineke de Lange

Durs Grünbein

stellt seinen neuen Gedichtband Zündkerzen [2017] vor.

„Als wäre Dichtung – abgesehen von allem anderen – nicht auch
eine Antwort auf den Zustand der Welt …“
[Adam Zagajewski]

Schon in seiner Vorstellungsrede zur Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1995 – in dem Jahr, in dem ihm auch der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde – sprach Durs Grünbein von der Ahnung, dass es die Dichtung sei, die dem Gedächtnis der Zeit am ehesten auf die Spur komme, denn wozu sonst sei sie dar? Genau das ist auch das Ziel seines jüngsten Gedichtbandes Zündkerzen, in welchem er in 83 Gedichten eine Bestandsaufnahme des Alltäglichen unternimmt, ohne dabei den Blick auf das Eingebundensein des Menschen in den Lauf der Geschichte auszublenden. Denn natürlich ist jedes Gedicht von Grünbein auch immer der Versuch, dem Zustand der Welt nahezukommen: „Wer sagt, dass es immer so weitergeht wie geplant? / Demagogen im Fernsehen, sie sprachen zum Volk / in einer schamlosen Sprache der Desinformation. / Das war sie, die Versteigerung ganzer Nationen.“, heißt es in dem Gedicht Gespenstersonate.
Ein Dichter müsse zu gesellschaftlichen Fragen Stellung nehmen, sagte Grünbein vergangenes Jahr in einem Gespräch im Deutschlandfunk Kultur und gab seiner Fassungslosigkeit über das mit Feindseligkeiten und Verachtung aufgeladene Denken und Sprechen in der Gesellschaft Ausdruck: „Ich hab gedacht, wir haben einen Minimalkonsens humanistischen Denkens und Verhaltens und bin bestürzt, wie schnell sozusagen diese Entsolidarisierung geht.“ Vielleicht kommt es deshalb nicht von Ungefähr, dass die poetischen „Zündkerzen“, die Grünbein in seinem Gedichtband zündet, Ähnlichkeiten zu dem Bild vom „Verschwinden der Glühwürmchen“ aufweisen, vor dem Pasolini bereits 1975 in seinen Freibeuterschriften warnte. Es ist kein Zufall, dass der 1962 in Dresden geborene Grünbein 2006 in Rom mit dem Premio Internazionale Di Poesia Pier Paolo Pasolini ausgezeichnet wurde. Beide Dichter verbindet die begriffliche Strenge, die umfassende Bildung und vor allem die unnachgiebige Leidenschaft, mit der sie jeweils herausfordernd frei ihrer Zeit den Spiegel der Kritik vorgehalten haben bzw. vorhalten. Nochmals Grünbein mit einem Vers aus seinem Gedicht Millionen Metaphern: „Technik, der kleine titanische Irrtum, ist / Nichts, was den Menschen vor sich bewahrt.“
Durs Grünbein lebt heute als Dichter, Essayist, Kritiker und Übersetzer mit seiner Familie in Berlin und Rom.

„Was ist das Ungemütliche an den Texten von Durs Grünbein, (…)? Seine Bilder sind Röntgenbilder, seine Gedichte Schatten von Gedichten, aufs Papier geworfen wie vom Atomblitz. Das Geheimnis seiner Produktivität ist die Unersättlichkeit seiner Neugier auf die Katastrophen, die das Jahrhundert im Angebot hat, …“ [Heiner Müller über Durs Grünbein]